Habe keine Angst vor deinen Schattenseiten

Ich muss etwas gestehen: manchmal kann ich ein richtiges Biest sein. Anscheinend lebt da irgendwo in mir ein kleiner Teufel der mich dazu veranlasst Dinge zu sagen und zu tun, die ich später bereue. Natürlich habe ich immer schon meine “düstere Seiten” gehabt (immerhin haben wir die doch alle?!), aber seit ich auf dem spirituellen Pfad bin wurde mein Verhältnis zu meinen Schattenseiten herausgefordert; das Schreiben von spirituellen Posts hätte das Verhältnis zu meinen düsteren Seiten sogar fast komplett blockiert. Jedes Mal wenn ich es nicht schaffe liebevoll, verständnisvoll, vergebend und nett zu sein, komme ich mir vor wie ein Heuchler. Wie kann ich Leute dazu animieren dieses Verhalten an den Tag zu bringen, wenn ich es selber nicht mal konsistent schaffe?

In den letzten Monaten habe ich wirklich versucht meinen Inneren Teufel zu bändigen, aber je mehr ich versuchte nicht mehr “schlecht” zu sein, umso schlechter wurde ich. Bis ich dann irgendwann gar keine Menschen um mich herum wollte. Auf der Arbeit nahm ich nur Aufträge von denen ich wusste, dass ich mit wenig Kollegen zusammenarbeite, Zuhause versuchte ich meinen Mitbewohner zu gut wie möglich zu umgehen und von meinen Freunden zog ich mich zurück. 

Das funktionierte eigentlich recht gut, bis ich diesen Sommer fast zwei Wochen mit meiner Mutter verbracht. Klingelt das Glöckchen schon? Egal wie “Zen” man ist, Mütter (und alle andere Menschen die einem sehr nahe stehen) können auf magische Weise unsere Inneren Teufel herauf beschwören. Und genauso ist es auch passiert. 

Bevor ich die Geschichte erzähle, gebe dir ein wenig Hintergrundinformation. Meine Beziehung zu meiner Mutter ist speziell. Sie ist nicht nur meine Mutter, aber auch meine spirituelle Lehrerin und meine beste Freundin zur gleichen Zeit. Sie ist diejenige die mich auf den spirituellen Pfad geführt hat und ich bin ihr unbeschreiblich dankbar. Trotz meiner Dankbarkeit und der Tatsache, dass wir uns selten sehen (sie wohnt in Berlin, ich in Amsterdam und wir sind beide ständig am Reisen und immer beschäftigt), konnte ich einen glänzenden Bühnenauftritt meines Inneren Teufels nicht verhindern. 

Es fing alles letztes Jahr an als meine Mutter mich besuchte. Plötzlich erwischte ich mich dabei wie ich ihr ständig Sachen vorwarf und an ihr herum mäkelte. Ich erkannte mich selber nicht mehr und war ganz sicher nicht froh mit dieser neuen Version meiner Selbst. Ich hatte keine Ahnung wo diese Irritation herkam und fühlte mich deswegen unheimlich schlecht. Obwohl ich meine Gefühle offen mit ihr teilte, ging es mir nicht besser. Ich war immer noch genervt und zur gleichen Zeit schämte ich mich dafür, so eine schlechte Tochter zu sein. Als die dann abreiste, war ich sogar erleichtert. Wenigstens konnte ich weder ihr noch mir mehr Schmerzen zufügen. 

Dieses Jahr war ich ein wenig nervös sie wieder zu sehen. Würde ich wieder an ihr herummäkeln? Würde ich sie wieder verletzen? Obwohl ich mich darauf freute sie wieder zu sehen, hatte ich Angst. Mein Leben war gerade so perfekt, ich wollte meinem Inneren Teufel nicht die Chance geben das kaputt zu machen. 

Die ersten paar Tage verlief alles glatt. Bis meine Mutter sich Mal wieder nicht an die Zeit halten konnte. Ihr Zeit-Management ist mir seit meiner Kindheit ein Dorn im Augen gewesen und hat anscheinend tiefe Wunden hinterlassen. Plötzlich konnte ich mich nicht mehr zurückhalten: ich nörgelte, kritisierte und beschuldigte sie ohne Punkt und Komma. Schon stolzierte der kleine Teufel in mir auf die Bühne.

Nachdem sich meine Mutter einen ganzen Tag lang die Kritikdusche gefallen lassen hat, reichte es auch ihr. Sie hat ihr Bestes getan um meinen Inneren Teufel zu ignorieren, aber auch sie hatte ihre Grenzen. Jetzt kam ihr Teufel auch auf die Bühne. Sie schrie mich an, forderte mehr Respekt von mir, ansonsten würde sie sofort zurückfahren nach Berlin. Während sie mich anschrie und mir drohte, überkam mich plötzlich ein Gefühl der Erleichterung. Obwohl sie die “du-schreibst-spirituelle-Posts-du-müsstest-besser-wissen-Karte” spielte, fühlte ich mich nicht mehr wie ein Versager oder ein Heuchler. Was war hier passiert? 

Selbstbeobachtung 

Dieses Mal bin mit dem Phänomen anders umgegangen. Statt mich schlecht zu fühlen für sowohl meine Mutter als auch für mich, observierte ich das Geschehen nur. Ich hatte keinen Nerv mehr dazu es zu kontrollieren. Besser gesagt: Ich hatte keinen Nerv mehr dazu es zu versuchen zu kontrollieren. Unsere Emotionen kontrollieren zu wollen ist eine Illusion, ein Hirngespinst des Egos. In Wahrheit, können wir nur achtsam sein. 

Dies ist wirklich der wichtigste und ausschlaggebenster Schritt. Beobachte dich und schau was also nächstes passiert. Spüre wie es sich anfühlt irritiert zu sein. Wie fühlt es sich an den anderen anzufahren? Spürst du es im Magen? In der Brust? Erhöht sich dein Puls? Spüre in dich hinein und observiere einfach. 

Ohne Schmerz gibt es keine Bewusstwerdung. Menschen tun alles, egal wie absurd, um ihrer eigenen Seele nicht zu begegnen. Man wird nicht dadurch erleuchtet, daß man sich Lichtgestalten vorstellt, sondern durch Bewusstmachung der Dunkelheit.

Carl Jung

Urteile nicht 

Während du deinen Inneren Teufel beobachtest, versuche ihn nicht zu verurteilen. Du bist menschlich. Das bedeutet, dass du Fehler machst und das ist auch vollkommen ok so. 

Während ich mich urteilslos beobachtete, kreierte ich Platz für eine wichtige Realisation. Mir wurde bewusst, dass mein Inneren Teufel kein Teufel war, sondern mein verletztes Inneres Kind. Anscheinend neigt mein Inneres Kind dazu Leute anzufahren und zu kritisieren, wenn es sich bedroht fühlt. Ich versuchte gar nicht meiner Mutter weh zu tun, sondern mich selber zu beschützen. Statt diese Gefühle zu akzeptieren, verletzte ich mein Inneres Kind nur noch mehr indem ich es wegstubste und mich schuldig fühlte. Mein Kind da hingegen fühlte sich nur noch unsicherer und verteidigte sich mit noch mehr Aggression und Irritation. 

Meine urteilslose Haltung besänftigte nicht nur mein Inneres Kind, sondern machte es mir auch viel leichter Mitgefühl zu erzeugen für das Innere Kind meiner Mutter. Ich wusste, dass alles was sie mir sagte, nicht an mich gerichtet war und dass es nur gut war, dass sie endlich Mal für sich selbst einstehen konnte. Meine Mutter ist eine sehr sanfte und harmoniebedürftige Frau, was oft dazu führt, dass Menschen über ihre Grenzen gehen. In dem Moment war ich einfach so stolz auf sie, dass sie sich und ihr Inneres Kind endlich verteidigte. Die Art und Weise wie sie sich verteidigte war schon fragwürdig und sicherlich verbesserungsfähig, aber das Wichtigste war, dass wir in dem Moment beide unsere Teufel erlaubten da zu sein, an einem sicheren Ort. 

Mitten in einer Auseinandersetzung kritiklos zu bleiben ist unheimlich schwierig. Wenn es nicht klappt, ist auch das vollkommen ok. Macht nicht wirklich Sinn sich selber dafür zu verurteilen, weil man sich selber verurteilt, oder? Komme einfach wieder zurück zu deiner achtsamen Selbstbeobachtung. Beobachte wie du urteilst, wie es sich anfühlt und was für Geschichten du dir erzählst. Und wenn das alles ist was du machen kannst, genügt das schon.  

Der Weg aus dem Urteilen beginnt, wenn du die Tatsache, dass du urteilst wahrnimmst, ohne darüber zu urteilen und das Urteilen dadurch noch zu verstärken. 

Gabrielle Bernstein

Übergebe dich dem Hier und Jetzt 

Wenn man auf dem spirituellen Pfad ist, sollte man lernen loszulassen und zu akzeptieren was ist. Was auch immer gerade in deinem Leben passiert, auch wenn du dem spirituellen Pfad gerade “untreu” wirst, ist halt in dem Moment so. Wenn du das Hier und Jetzt nicht akzeptieren kannst, ist das eine Form des Widerstands und wird dich nur noch weiter aus dem Gleichgewicht bringen, wie wenn du einfach annehmen könntest, dass du aus dem Gleichgewicht bist. 

Wenn ich meine Gereiztheit ignoriert oder wegrationalisiert hätte, hätte ich mich nicht nur gegen die Realität gewehrt, sondern hätte ich auch das Problem nicht gelöst. Ich konnte nicht einfach meine Augen zumachen und hoffen, dass es auf magische Weise verschwindet. In dem Moment konnte ich nur mich selber beobachten und hoffen, dass es mich irgendwohin führt. Offensichtlich kam es irgendwo her und es musste doch einen tieferen Grund geben hierfür….

Alles passiert aus einem gewissen Grund 

Wie gesagt, stellte ich letztendlich fest, dass der ganze Aufruhr ein Versuch meines Inneres Kindes war, den ihr nur allzu bekannten Schmerz zu vermeiden. Als ich letztes Jahr meine Gefühle unterdrückte und ignorierte, unterdrückte und ignorierte ich also eigentlich mein Inneres Kind. Kein Wunder, dass es dieses Jahr wieder zurückkam. 

Hätte ich also letztes Jahr anders reagieren sollen? Nein. Letztes Jahr war auch einfach nur wie es war. Und es hat wahrscheinlich gute Gründe gegeben für die Erfahrung die ich letztes Jahr gemacht habe. Vielleicht musste ich auch einfach lernen, dass das Innere Kind irgendwann wieder zurückkommt wenn man versucht es zu unterdrücken. Wie auch immer, ich kann die Zeit nicht zurückdrehen und mir bleibt nichts anderes übrig als das Geschehene zu akzeptieren und darauf zu vertrauen, dass es seine Gründe gehabt hat.

Dieses Jahr lernte ich, dass das was man versucht zu vermeiden oftmals genau das ist was man machen sollte. Ich hatte so eine Angst, dass ich “unspirituell” oder “heuchlerisch” sein würde, wenn ich nicht im Gleichgewicht sein würde. Jetzt habe ich aber gelernt, dass ich meinen Schattenseiten nicht nur umarmen und akzeptieren sollte, sondern dass diese Schattenseiten auch ihre Daseinsberechtigung haben, da sie ein wichtiger Teil in meiner Entwicklung sind. Meine Schattenseiten haben nämlich nichts dämonisches an sich, sondern sind lediglich eine Äußerung meines verletztes Inneres Kindes. Mein nächster Entwicklungsschritt war es nämlich mich mit meinem Inneren Kind zu versöhnen und es davon zu vergewissern, dass es das Recht hat so zu sein wie es möchte. Auch wenn es wütend oder genervt ist. Nachdem ich diese spirituelle Blockade durchbrochen habe, konnte mein Inneres Kind endlich wieder aufatmen und fühlte auch weniger den Drang dazu sich zu verteidigen (also kritisch und gemein zu werden).

Versagen ist unmöglich  

Letztendlich ist es unmöglich Fehler zu machen. Den einzigen Fehler den wir machen können, ist es aus Versehen unsere “Misserfolge” als Fehler zu erkennen und nicht als wertvolle Schlüssel zum nächsten “Level”. Der Schmerz den unsere Fehler uns zufügen sind ja nichts weiter als ein Ansporn zum Lernen und Wachsen damit wir es das nächste Mal besser machen. 

Die beste Art und Weise von unseren Fehlern zu lernen ist es achtsam zu bleiben. Wenn wir Teile unserer Selbst wegschieben die wir nicht mögen, sabotieren wir letztlich nur den Fortschritt. Auch wenn es uns vielleicht Angst macht diesen unkontrollierbaren und wilden Teil unseres Selbst gehen zu lassen, aber wie können wir denn von unseren Schattenseiten lernen, wenn wir sie ständig unterdrücken? Manchmal muss man es eben rauslassen, wenn man herausfinden möchte wozu es eigentlich da ist. Wage diesen Sprung ins Dunkle. Letztlich hast du nichts zu verlieren, denn versagen ist unmöglich solange wir achtsam bleiben. 

Der spirituelle Pfad ist eine Reise, nicht ein Ziel 

Es nennt sich aus einem Grund ein Pfad. Wenn du perfekt sein solltest von dem Moment an, dass du dich auf dem Pfad begibst, ist es kein Pfad mehr. Mit jedem Schritt den wir machen, kommen wir zwar näher ans Ziel, aber wir haben alle so viel Gepäck bei uns, dass wir unweigerlich immer wieder vom Gewicht runter gezogen werden. Aber bevor wir etwas von unserem Gepäck hinterlassen können, müssen wir erstmal ein paar Meter damit laufen. Wir müssen untersuchen was wirklich in unserem Gepäck ist, damit wir eine bewusste Entscheidung darüber treffen können was bei uns bleibt. Das Gepäck wird schließlich immer leichter je weiter wir auf dem Pfad gehen. Aber dafür müssen wir erst richtig sehen und akzeptieren können was wir da mit uns mitschleppen. Und das kostet Zeit. Zeit in der wer konfrontiert werden mit Aspekte unseres Selbst, die wir lieber nicht sehen würden. 

Alles gleich von Anfang an perfekt machen zu wollen ist nicht nur unmöglich, es ist auch ein Ego-gesteuerter Wunsch. Und wahrscheinlich wird jeder von uns in die Falle tappen. Weil perfekt sein zu wollen auch nur eine Lektion ist die wir alle lernen müssen. Unser Bedürfnis nach Perfektion wird fehlschlagen und es wird uns so weh tun, dass uns nicht anderes übrig bleibt als uns selber zu beobachten und aufzuhören über uns zu urteilen, damit wir die Wahrheit einsehen können: Das wir nicht nur das Recht haben so zu sein wie wir sind, sondern uns auch erlauben müssen so zu sein wie wir sind um den nächsten Schritt auf dieser lebenslangen Reise zu machen. 

Das Privileg eines Lebens besteht darin, zu werden, wer man tatsächlich ist. 

Carl Jung

2 Gedanken zu “Habe keine Angst vor deinen Schattenseiten”

  1. Ja,Katja, ich freue mich sehr, dass du mit allen diesen Erlebnissen so umzugehen weisst. Da ist tatsächlich nichts dämonisches. Das zu wissen entspannt uns, macht uns froh und schenkt uns – immer wieder die Energie zum Neuanfang. Das geht nicht mühsam. Wir werden dazu oder darin, immer wieder – wie von selbst – aufgetankt, weil wir wissen, dass uns das gut tut, unser Selbstwertgefühl aufbaut und wir uns darin wie Zuhause fühlen und getragen wissen.

    Gregor

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