Spirituelles Wachstum durch Scham

Scham ist menschlich, es ist natürlich und es kann sehr gesund sein! Ja, wenn du dich deiner Scham bewusst stellst, kann es sehr positive Auswirkungen haben. Scham wird toxisch, wenn du es entweder ignorierst oder du es erlaubst die Kontrolle über dich zu nehmen. Der Schlüssel ist es dich deiner Scham ganz bewusst zu stellen und es zu spüren. Und genau das ist das Ziel dieses Posts: mich in meinem eigenen Scham zu sudeln.

Seit zwei Jahren bin ich heimlich am bloggen. Nur meine Familienmitglieder und meine engsten Freunde wussten von meiner heimlichen Tätigkeit. Ich erzählte es ein paar Kollegen, gab ihnen jedoch nicht meinen Domainnamen. Meine Schreibkünste waren mir einfach so peinlich! Ich bin nie toll im Schreiben gewesen. In der Schule traute ich mich nie meine Geschichten oder Gedichte in der Klasse laut vorzulesen. Während meines Studiums war mein Vater es so leid immer wieder meine unleserlichen Aufsätze zu lesen, dass er mir sogar einen Schreibkurs zahlen wollte (was ich offensichtlich nie gemacht habe).

Im Grunde genommen sind meine schwachen Schreibfähigkeiten nicht der Kern des Problems. Das wirkliche Problem ist mein niedriges Selbstbewusstsein. Ich habe einfach so eine fürchterliche Angst davor was andere von mir denken könnten oder über mich sagen könnten, als ob ich bloßen Worte und Gedanken meine zerbrechliche Existenz vernichten könnten. Während ich am Schreiben bin, bin ich mir bewusst wie blöd sich das Ganze anhört, aber so fühlt es sich nun Mal an.

Natürlich habe ich darüber nachgedacht weiterzuschreiben ohne das Wissen meines Umfeldes. Trotz meiner Angst habe ich mich aber dazu entschlossen mich meiner Scham zu stellen und diesen Post auf meiner Facebook-Chronik zu teilen. Und nicht etwa weil ich unbedingt mehr Verkehr auf meiner Site möchte. Nein, der Grund dafür liegt viel tiefer und hat mehr mit meiner persönlichen Entwicklung zu tun und nicht mit der meines Blogs.

In den letzten Monaten ist mir die ganze Angelegenheit ordentlich in die Quere gekommen. Es tat unheimlich weh den Schmerz meiner Feigheit zu spüren. Zum Glück hatte ich kürzlich ein gutes Gespräch mit einer Freundin die mir wirklich die Augen geöffnet hat. Ich erzählte ihr von meinen Ängsten bezüglich meines Blogs. Sie erzählte mir dahingegen wie sie sich fühlte kurz vor der Premiere ihrer Doku über ihren Vaginismus. Während sie am Erzählen war spürte ich regelrecht die Scham in mir aufkommen. Diese Frau hatte den Mumm ihre sexuellen Problemen mit dem ganzen Land zu teilen und ich konnte nicht mal meinen Schreibstil und meine spirituellen Gedanken mit meinen Facebookfreunden teilen…Als spiritueller Blogger schreibe ich so viel über Angst und Selbstliebe, es wird Zeit meiner eigenen Predigt zu folgen! Und es wird auch Zeit die Vorteile meiner eigener Predigt zu nutzen. Was erhoffe ich mir nun eigentlich davon mich meiner Scham zu stellen?

Mut

Offensichtlich hilft mich dieser Schritt dazu meine Mut zu erhöhen! Mut ist, wie alle anderen Charaktereigenschaften oder Gewohnheit, ein Muskel den man trainieren kann. Wenn wir regelmäßig etwas mutiges machen, werden wir langsam frei von uns selbst. Die meisten unserer Ängste sind Illusionen welche wir bloß legen können indem wir mutige Schritte unternehmen.

Außer dem Zerlegen unserer Illusionen gibt uns Mut auch die Chance zu erfahren was außerhalb unserer Komfortzone liegt. Indem wir es wagen unbequeme Schritte zu unternehmen können wir sehen was die Welt uns wirklich zu bieten hat.

Fortschritt

Einen Schritt außerhalb der Komfortzone zu machen ist eine Form des Fortschritts. Ich habe eine neue Tür geöffnet und bin hindurch gelaufen. Ich habe keine Ahnung wo es mich hinführt. Das ist aber auch egal. Diesen Schritt zu machen wird mich unweigerlich zu einem Fortschritt führen.

Außerdem brauche ich mich in der Zukunft nicht immerfort zu fragen: Was wenn? Statt mir die Konsequenzen in meinem Kopf auszumalen, sehe ich sie direkt vor meinen Augen. Wenn es sich als ein Fehler herausstellt werde ich daraus lernen. Wie auch immer, Fortschritt ist ein Fakt.

“Ich bereue lieber das was ich gemacht habe, statt zu bereuen was ich nicht gemacht habe.”



Lucille Ball

Der Fortschritt beschränkt sich nicht nur auf mein eigenes Leben. Dieser Schritt könnte auch anderen Menschen zu Fortschritt in ihrem Leben verhelfen. Kommen wir mal zurück auf das Beispiel meiner mutigen Freundin. Mit ihrer Doku hat sie wahrscheinlich so vielen Frauen mit Vaginismus geholfen sich verstanden, anerkannt und unterstützt zu fühlen. Sie hat auch geholfen allgemeines Bewusstsein bezüglich dieser Angelegenheit zu kreieren wodurch Menschen die vorher nichts davon wussten, jetzt die Chance haben ihre Meinung zu ändern und Sex und Sexualität in ein neues Licht zu betrachten.

Zu guter Letzt hat sie mir geholfen einen Schritt nach vorne zu machen. Zutiefst beeindruckt von ihrem Mut, spürte ich das Bedürfnis aus meiner eigenen Komfortzone zu steigen und mich meiner Scham zu stellen.

Verbundenheit

Brené Browns Forschungen zufolge hilft Scham uns mit anderen zu verbinden. Im Kern des Schams liegt Verletzlichkeit, eine Eigenschaft die sozial gut vernetzte Menschen miteinander teilen.

Menschen die ihre Panzer und ihre Masken ablegen sind verletzlich. Sein wahres, imperfektes Gesicht zu zeigen kann einen beschämen. Aber ist genau dieses wahre, imperfekte Gesicht mit denen es Menschen leicht fällt sich zu verbinden.

Ich möchte mich nicht nur mit anderen auf einer tieferen  Ebene verbinden, sondern auch mit mir selber. Diese ganze Angelegenheit hat meinen inneren Kritiker so richtig auf Trab gekriegt! Immer wiedere musste ich mir meine eigene Kritik und Selbstvorwürfe anhören. Wie konnte ich nur so feige und unaufrichtig sein? Es ist grundsätzlich schon schlimm, wenn man das Vertrauen eines anderen verliert. Aber das Vertrauen in sich selbst zu verlieren ist noch viel schlimmer. Meiner eigenen Predigt nicht zu folgen fing langsam an seinen Tribut zu fordern. Und die einzige Art und Weise diesen Vertrauensbruch wieder herzustellen ist es indem ich anfange meine eigene Predigt zu folgen und mich meiner Scham stelle.

Reality check  

Ich erwähnte ja schon, dass unsere Schicksalsszenarien oft nichts mehr als ein Produkt unserer Illusion sind. Aber solange wir den Illusionen erlauben in unserem Geist rumzuspuken, erfahren wir nie ihre die Wahrheit. In meinem Herzen weiß ich, dass ich sicher bin und kein Urteil dieser Welt mir jemals etwas anhaben könnte.

Aber etwas zu denken und zu wissen ist nicht das wirkliche Gegenmittel gegen die Illusionen. Das ist das Erfahren und Spüren. Lasse deine falschen Vorstellungen auffliegen indem du sie in die Realität bringst. Wenn wir Licht werfen auf unsere Illusionen, sind sie im Nu verschwunden. Sie werden nur größer und hartnäckiger, wenn wir sie unbeachtet in einer dunklen Ecke unseres Bewusstseins aufheben. Während du nicht aufpasst, werden sie langsam die Kontrolle über dich ergreifen und wirst du bald zur Marionette deiner Illusionen. Dreh dich also um, stelle dich deinen Illusionen und stelle fest, dass sie nichts mehr sind als heiße Luft.

Weniger Scham

Na, wer hätte das gedacht? Wenn man sich seiner Scham stellt verliert er sogar die Macht über dich. Das zählt eigentlich für alle deine negativen Emotionen: akzeptiere sie und gib ihnen Raum um zu sein und schon bald werden sie sich in Luft auflösen.

Wenn wir sie ignorieren und sie wegdrücken, halten wir paradoxerweise gerade an ihnen fest. Wir geben ihnen nicht die Aufmerksamkeit und Anerkennung die sie brauchen um zu transformieren und zu heilen. Es ist wie das ewige Herauszögern einer Aufgabe auf der To-Do-Liste. Nur weil wir es immer wieder hinauszögern, bedeutet das noch lange nicht, dass wir es nicht mehr machen brauchen. Und glaube mir, ich weiß wovon ich rede. Ich habe diese Aufgabe nun schon seit zwei Jahren hinausgezögert und es ist immer noch da. Geduldig hat es auf mich gewartet endlich zu handeln, zu transformieren und zu wachsen…

“Und es kam der Tag, da das Risiko, in der Knospe zu verharren, schmerzlicher wurde als das Risiko, zu blühen.”


Anaïs Nin

Wow, das war letztendlich eine ganz schön lange Liste von positiven Aspekten von etwas, dass wir so aktiv versuchen zu vermeiden! Hoffentlich wirst du ab jetzt deine Scham in ein anderes Licht sehen, damit du es das nächste Mal umarmen kannst und richtig spüren kannst, statt davor wegzulaufen. Bespare dir die Energie des Weglaufens und gönne dir stattdessen die vielen Vorteile zu genießen. Jeder Schritt außerhalb deiner Komfortzone trägt das Potenzial unermesslich vieler Vorteile in sich. Die Schritte brauchen nicht immer groß zu sein, jeder kleine Schritt zählt und hilft dir dabei deinen Mut-Muskel zu trainieren (und das anderer)!

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