Grenzen Setzen: Nächsten- oder Selbstliebe?

Es fällt uns alle hin und wieder schwer klare Grenzen zu setzen. Auf der einen Seite möchten wir anderen zur Seite stehen, auf der anderen Seit möchten wir uns aber auch um uns selbst kümmern und sollten unsere Bedürfnisse auch befriedigt werden. Man könnte es aber auch anders betrachten: Wir haben entweder Angst vor Zurückweisung oder wir befürchten die Kontrolle zu verlieren. Wie können wir denn herausfinden ob wir dem anderen wirklich helfen wollen oder ob wir nur Angst haben vor der Zurückweisung? Und machst du dir wirklich Sorgen um dein Wohlsein oder hast du einfach Angst die Kontrolle zu verlieren? Oft wissen wir selber nicht mal, was wirklich los ist wenn wir Schwierigkeiten damit haben unsere Grenzen zu setzen, was es nur noch schwieriger macht. 

In diesem Post möchte ich dir dabei helfen, zu verstehen was sich unter deiner Unfähigkeit klare Grenzen zu stellen womöglich versteckt. Natürlich geht da unendlich vieles vor sich, aber ich hoffe trotzdem dir etwas mehr Klarheit zu verschaffen über die Schwierigkeit Grenzen zu stellen. Dieser Post richtet sich nicht nur auf die Schwierigkeit “nein” zu sagen, zur gleichen Zeit möchte ich auch gerne betonen weshalb es uns schwer fällt “ja” zu sagen. 

Warum Grenzen setzen so schwierig sein kann  

Ich glaube, die Schwierigkeit darin klare Grenzen zu stellen liegt in unserem unterbewussten Glauben, dass ein es nicht unsere Wahl, aber unsere Pflicht ist eine Anfrage anzunehmen. Irgendwie schaffen wir es nicht zu verstehen, dass jeder das Recht hat um uns einen Gefallen zu bitten, es aber nicht unsere Pflicht ist diesen Wunsch zu erfüllen. Dieser unbewusste Irrtum erklärt warum es uns so schwer fällt “nein” zu sagen und zur gleichen Zeit Schwierigkeiten damit haben “ja” zu sagen. 

Die Tatsache, dass wir einen Gefallen unterbewusst als unsere Pflicht interpretieren ist was uns so nervös macht, wenn uns jemand um einen Gefallen bittet. Es fühlt sich an, als hätten wir nicht die Freiheit zu wählen, was es schwierig macht dem anderen den Gefallen zu tun. Wir wollen anderen einen Dienst leisten aus unserem freien Willen und aus dem Herzen heraus, aber da wir die Anfrage als eine Pflicht erfahren, fühlen wir uns gefangen. Aus diesem Grund werden manche “Kontrol-freaks” wütend auf anderen wenn diese sich “erlauben” ihn um einen Gefallen zu bitten. Wie wagen sie es nur ihn in diese Position zu bringen? Um sich selbst und allen anderen ihre Autonomie zu beweisen, weigern sie die Anfrage, auch wenn sie es lockern erfüllen könnten. 

Denselben Kern, aber ein anderer Mechanismus bewegt die “Softis” dazu nie eine Anfrage abzulehnen.  Sie glauben, dass es ihre Pflicht ist anderen einen Gefallen zu tun, weshalb sie diese auch (fast) nie ablehnen. Im Gegensatz zu dem Kontrolfreak sind sie nicht sauer auf den Antragsteller, sondern haben Angst seine Sympathie zu verlieren, wenn sie der Anfrage nicht nachkommen. Sie glauben der anderen hätte legitime Gründe dafür sie nicht zu mögen, wenn sie sich weigern einzuwilligen.  Unterbewusst denken sie egoistisch zu sein, wenn sie die Wünsche anderer nicht erfüllen und denken sie, dass der andere ihnen Liebe und Zuneigung geben wird als Gegenleistung. Als ob es unmöglich wäre geliebt zu werden und zur gleichen Zeit sich selbst zu sein und dementsprechend das zu machen was man selber möchte, was eben manchmal nicht gleichsteht mit den Wünschen anderer.

Die Grenzen die du setzst, werden bestimmen wie andere dich behandeln. Wie kann jemand dich gut behandelen, wenn du ihm erlaubst dich schlecht zu behandeln?

Offensichtlich ist diese Denkweise falsch. Es kann sehr erleichternd sein sich bewusst zu machen, dass man das Recht hat nein zu sagen und das ja sagen eine Wahl ist und nicht dazu führt, dass man direkt die Kontrolle verliert. Wenn du Mühe hast Grenzen zu setzen, dann liegt der falsche Glaubenssatz sicherlich in dir, aber die Chance ist recht groß, dass dein Gegenüber diesen Glaubenssatz mit dir teilt, was die Sache noch etwas komplizierter macht. Er oder sie wird dich nämlich unter Druck setzen und dir sagen, dass du eine schlechte Person bist wenn du es nicht machst (Es ist ja immerhin eine Pflicht als „guter“ Mensch diesen Wunsch zu erfüllen, oder?). Wenn du weiterhin weigerst wird er wahrscheinlich wütend und entzieht dir seiner Liebe und Zuneigung.

Es ist unausweichlich diesen Menschen zu begegnen und genau deswegen ist es so unheimlich wichtig, dass du lernst mit deinen Grenzen umzugehen. Die Grenzen die du setzst, werden bestimmen wie andere dich behandeln. Wie kann jemand dich gut behandelen, wenn du ihm erlaubst dich schlecht zu behandeln? Letztendlich bist du die einzige Person die du ändern und kontrollieren kannst, weswegen es jetzt auch keinen Sinn macht uns auf die anderen zu fokussieren. Also, lassen wir uns richten auf was du machen kannst um gesunde Grenzen zu setzen.   

Wie man effektiv Grenzen stellt 

Lasse keinen Raum für Diskussionen. Deine Grenze ist eine Aussage, keine Option. Als allererstes musst du dir wirklich bewusst machen, dass deine Grenze deine Angelegenheit ist. Andere haben das Recht darüber eine Meinung zu haben, aber du bist keinem eine Rechtfertigung schuldig. Jeder Mensch ist einzigartig und ht dementsprechend einzigartige Grenzen. Dies sollte man respektieren. Vergesse dabie nicht, dass das auch bedeutet, dass du die Grenzen anderer respektieren solltest. 

Meine was du sagst. Menschen sind sehr empfänglich für Vibrationen und werden es direkt spüren, wenn du an deiner Entscheidung zweifelst. Mache dir bewusst, weshalb du dich für eine bestimmte Grenze entschieden hast. Das muss nicht unbedingt ein rationaler Prozess sein, sondern eher ein emotionaler Prozess. Spüre in dich und deine Entscheidung hinein und treffe sie erst, wenn du dich auch wirklich wohl dabei fühlst. Solange wie du an deiner Entscheidung zweifelst, nehme dir die Zeit die Entscheidung nicht zu treffen, bis du sie aus deinem Herzen heraus treffen kannst. 

Stelle auch sicher, dass du dich an deine Grenze hältst. Wenn du dich einmal für eine Grenze entschieden hast, dann entspreche dieser auch. Wenn du Leute erlaubst deine Grenzen fortwährend zu überschreiten, werden sie dich nicht nur eines Tages nicht mehr ernst nehmen, du betrügst damit auch dich selber und deine Grundwerte.  

Fordere dich selbst heraus. Führe ein kleines Experiment aus, vor allem am Anfang, wenn du deinen Gefühlen noch nicht ganz vertrauen kannst. Mache das Gegenteil von dem was du gewohnt bist. Wenn du ein “Softi” bist, sage mal “nein” und wenn du ein Kontrolfreak bist, versuche es mal mit einem “ja”. Dieses Experiment funktioniert natürlich nur dann, wenn unser Instinkt uns sagt, dass es gut ist so. Bist du dir unsicher, was dein Instinkt dir versucht zu sagen? Halte dann einen Moment inne und spüre in dich hinein. Versuche zu spüren was dein Körper dir gernen vermitteln möchte. Kommt den Unbehagen aus Angst hervor? Ist dieser Knoten in deinem Magen ein Zeichen der Angst? Oder weisen deine verspannten Schultern darauf, dass du nicht loslassen kannst? Manchmal kriegen wir überraschende Einsichten in unsere Psyche, wenn wir nur einen Moment innehalten und in uns hinein spüren. 

Oft bleiben wir stecken in bestimmte Gewohnheiten, nur weil wir uns selber Geschichten erzählen über was für schreckliche Sachen passieren, wenn wir nicht das machen was wir immer machen. Die einzige Art und Weise das herauszufinden ist es zur Abwechslung Mal das Gegenteil zu machen. Meistens finden wir heraus, dass die Kehrseite der Münze nicht einmal so schlecht ist und uns vielleicht sogar gut tut. Du wirst wahrscheinlich eine Erleichterung spüren, nur schon weil du nicht mehr an deinen eigenen Geschichten gebunden bist. Endlich hast du die wahre Freiheit zu wählen und sind deine Gesten der Freundlichkeit aufrichtig. 

Lasse deine Ängste los. Sogar wenn wir wissen, dass wir das Recht haben unsere eigenen Entscheidungen zu treffen, macht es uns vielleicht doch noch Angst, die Sympathie des anderen oder unsere Kontrolle zu verlieren. Aber denke doch mal einen Moment darüber nach. Ja, du könntest die Sympathie des anderen verlieren, wenn du seinen Wunsch nicht erfüllst, aber brauchst du wirklich die Sympathie einer Person der deine Grenzen nicht respektiert? Wenn deine (heimliche) Antwort auf diese Frage “ja” lautet, rate ich dir dringend an deiner Selbstliebe zu arbeiten. Du brauchst weder die Sympathie noch die Anerkennung einer Person der dich nur wertschätzt solange wie du ihm oder ihr Gefallen tust. 

Wenn du dieser Person wirklich am Herzen liegst, sollte dieser sich nicht zufrieden geben mit den Gefallen die du aus deinem Pflichtgefühl oder Zwang heraus tust. Ich fühle mich persönlich sehr schlecht, wenn jemand widerwillig etwas für mich macht. Mir wäre es lieber die Person würde es gar nicht machen, wenn es nicht aus seinem Herzen heraus kommt. Und ich sage das jetzt nicht nur aus Liebe zum Anderen, sondern weil ich auch weiß, dass sie es mir früher oder später übel nehmen werden, dass ich sie „dazu gezwungen“ habe etwas zu machen was sie lieber nicht wollten.

Der Kontrolfreak dahingegen könnte seine Ängste loslassen indem er sich klar macht, dass er im Grunde genommen die Kontrolle weg gibt indem er immer “nein” zu allem sagt. Offensichtlich, kommt seine Entscheidung nicht aus seinem Herzen heraus und stimmt nicht mit seinen wahren Wünschen überein. In dem Fall gibt er die Kontrolle zwar nicht direkt an die andere Person ab, aber du bist ganz sicherlich nicht derjenige der das Ruder in der Hand hält. Du hast die Kontrolle einem Teil von dir übertragen der nicht dein Höheres Selbst ist. Vielleicht hast du es deinem Ego übertragen? Oder deinem Inneren Kind? Vielleicht findest du diesen Gedankengang etwas weit hergeholt, aber glaube mir, es macht Sinn. Manchmal (eigentlich eher öfters) sind wir Sklaven unseres Geistes und unseres Egos, welche noch schlimmere Sklaventreiber sein können als unsere Mitmenschen. 

Sei aufrichtig. In manchen Fällen wollen wir die Sympathie eines anderen nicht verlieren, weil wir den anderen so besonders mögen, sondern weil wir selber etwas vom anderen erwarten. In diesem Fall rate ich dir ganz stark davon ab eine versteckte Agenda zu haben. Wenn wir etwas machen nur um etwas vom anderen zu bekommen führt nicht gerade zu einer gesunden und spaßigen Zusammenarbeit. Außerdem wirst du wohl kaum gesunde Grenzen für dich selber setzen können, wenn du die Grenzen anderer nicht respektierst. 

In manchen Fällen denken wir wir würden jemanden aufrichtig lieben und dass wir etwas machen wollen weil wir den anderen lieben, aber im Grunde genommen hoffen wir einfach auf ein bisschen Liebe und Zuneigung als Gegenleistung. Ich habe diesen Aspekt vorher schon erwähnt, aber es ist so wichtig, ich kann es nicht genug betonen. Erstens, ist dies nicht eine aufrichtige Form der Liebe und zweitens wird es uns auch keine aufrichtige Form der Liebe bringen. Du kannst nein sagen und zur gleichen Zeit geliebt werden, wirklich.

Ich hoffe, diese Gedanken haben dir dabei geholfen deine Grenzen besser zu verstehen, damit es dir leichter fällt gesunde Grenzen zu setzen ohne dabei andere zu verletzen. Im Gegenteil, es ist viel wahrscheinlicher, dass andere deine Grenzen viel mehr respektieren werden, weil die wissen, dass deine Grenzen kein unzusammenhängendes Konzept in deinem Geist ist, sondern wahrer Akt der Selbstkenntnis. Aber im Grunde genommen ist es egal ob andere diesen Unterschied bemerken. Was wichtig ist, ist dass du anfängst deine Hilfsbereitschaft gegen deine Selbstliebe zu balancieren statt deine Angst vor Zurückweisung gegen deine Angst die Kontrolle zu verlieren. 

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