Befreie dich vom Bedürfnis Recht haben zu wollen

Du bist mitten in einer erhitzten Diskussion, dein Herz pocht, deine Kehle ist zugeschnürt und in deinem Kopf kocht es. Wenn dir diese Situation nicht bekannt vorkommt, dann brauchst du im Grunde genommen nicht weiterzulesen.

Mir kommt diese Situation leider etwas zu bekannt vor. Von Natur aus bin ich ein Sturkopf mit einer starken Meinung und einem heißen Temperament. Jeder der mich als Kind kennt kann sich noch deutlich an meine Wutausbrüche und schrillen Schreie erinnern.

Seither werde ich von diesen Charaktermerkmalen geplagt. Jahrelang wurde ich von meinen blinden Reaktionen und meinem starken Bedürfnis Recht zu haben dominiert. Jetzt ist Schluss damit. Wenn du meinen vorherigen Post gelesen hast, dann weißt du das meine wichtigste Priorität als Erwachsene die Verantwortlichkeit über meine eigenen Gefühle ist.

Mittlerweile probiere ich eine Pause zu nehmen, statt sofort zu reagieren wenn ich Gefühle der Irritation oder Ungerechtigkeit spüre oder wenn ich mich falsch verstanden fühle. Diese neue Vorgehensweise hat viel Frieden und Glück in mein Leben gebracht. Ich merkte nicht mal wie energiesaugend es ist immer Recht haben zu wollen. Weder konnte ich mir vorstellen wie einfach es ist dieses Bedürfnis loszulassen. Einige simple Einsichten haben mir geholfen mein Ego mal zur Seite zu stellen welche ich diesem Post beschreiben werde.

Es gibt keine Wahrheit

Falls du mitten in einer Meinungsverschiedenheit steckst, sei dir bewusst dass es keine Wahrheit gibt. Es gibt nur eine persönliche Wahrheit. Sei dir bewusst, dass jeder andere Erfahrungen hat und die Welt aus einem anderen Blickwinkel sieht. So etwas wie die absolute Wahrheit existiert nicht. Diese Einsicht macht es einem einfacher sich zu einigen anderer Meinung zu sein.

Und was wenn meine Meinung dem anderen gut tun würde?

Ich erwische mich oft dabei anderen von meiner spirituellen Ansicht zu überzeugen. Nicht damit meiner Meinung Beifall gespendet wird, sondern damit der andere diese anwenden kann und sein Leben bessern kann. Jedoch ist der spirituelle Weg noch nicht ganz integriert im Mainstream Gedankengut und werde ich noch oft konfrontiert mit Fragen wie: “Wie meinst du, ihm vergeben? Er ist mir fremd gegangen!” oder “Wie kann ich denn bitte entspannen und dem “Universum vertrauen” wenn diese Welt ein verrückter Jungle ist! Hast du denn jemals vom Überleben der Stärksten gehört? Ich werde nie überleben wenn ich mich entspanne!”

Vor allem wenn mir wirklich was an dem anderen liegt, möchte ich gerne, dass der meine Nachricht versteht und umsetzt. Immerhin hat der spirituelle Weg mir selbst so unheimlich geholfen in meinem Leben. Und das gönne ich meinen Liebsten natürlich auch. Aber es gibt zwei Gründe weshalb ich sie nicht mehr zu ihrem Glück zwingen möchte.

  1. Das Universum ist perfekt. Jeder ist genau da wo er sein soll auf seiner spirituellen Entwicklung.
  2. Der andere ist perfekt. Ich kann auf seine Kraft vertrauen selber seinen Weg zum Glück zu finden. Solange wie ich glaube, dass der andere mich braucht um zu wachsen, entmachte ich ihn auf der energetischen Ebene. Das Einzige was mir bleibt, ist ihm meine Liebe zu schicken und darauf zu vertrauen, dass sie selber ihren Weg finden.

Du bist nicht in Gefahr

Das hört sich vielleicht ein bisschen komisch an. Auf der bewussten Ebene weißt du ja, dass du in Sicherheit bist. Die Reaktionen deines Körpers signalisieren jedoch was ganz anderes. Die Symptome die ich am Anfang aufgezählt habe sind alles Symptome dafür, dass dein Körper im Kampf- oder Fluchtmodus umgestellt wird. Diese Reaktion fügt deinem Körper unnötigen Stress zu.

Sobald ich merke, dass mein Körper in diesem Modus ist, atme ich bewusst ein und aus. Ich mache mir klar, dass ich sicher bin. Wie auch immer das Gespräch endet, meine Überlebenschancen sind groß. Ich spüre dann sofort wie mein System langsam wieder herunterfährt und ich wieder entspannen kann.

Empathie & Mitgefühl

Nachdem du etwas ruhiger bist, fang an ein wenig auf dich selbst du reflektieren. Kannst du dich erinnern an die Tage wo du so von meinem Standpunkt überzeugt warst, dass es fast weh getan hat? (Ich auf jeden Fall schon!) Oft ging es schon gar nicht mehr um den Standpunkt. Es ging um etwas was viel tiefer liegt. Und zwar geht es um dein verletztes Ego. Irgendwann willst du am liebsten die ganze Diskussion fallen lassen, du willst endlich Ruhe. Aber das lässt dein Ego nicht zu. Die Diskussion zu “verlieren” ist viel zu schmerzhaft.

Nun, stelle dir vor der andere steckt genau in dieser Position. Er ist im Grunde genommen nicht mehr sich selbt, sein Ego hat das Ruder übernommen. Aber genauso wie du weißt, dass du dein Ego nicht bist, kannst du dir sicher sein, dass der andere es auch nicht ist. Und genauso wie es dir schwer fällt dein Ego loszulassen (egal wie gerne du es möchtest!1), genauso schwer fällt es dem anderen wahrscheinlich auch. Sobald wie du dich daran erinnern kannst wie es ist vom Ego gesteuert zu werden, wird es dir leicht fallen Mitgefühl für den anderen aufzubringen.

Nimm einen tiefen Atemzug und richte deinen Fokus komplett auf den anderen. Stelle dich auf ihn ein und spüre seine Unruhe, Frustration und Schmerz. Kannst du dich selbst in ihn erkennen? Siehst du wie ihre beide von euren Ego’s gesteuert werdet? Und kannst du euch beiden liebevolles Mitgefühl schicken?

Hast du lieber Recht oder bist du lieber glücklich?

Wenn die Diskussion zu tiefgreifend ist oder dein Ego es einfach nicht zulässt aufrichtiges Mitgefühl für den anderen aufzubringen, kann man auch egoistische Maßnahmen treffen. In dem Fall denke nur an dein eigenes Glück. Wenn du keine Liebe und Mitgefühl für den anderen aufbringen kannst, tu es dann wenigstens für dich selbst. Dies ist die einzige Art und Weise Glück und Frieden zu erreichen. Dazu musst du allerdings erst den anderen verstehen und vergeben. Erst dann kannst du die mentale und emotionale Freiheit in dir selbst spüren.

Versteh mich nicht verkehrt, ich falle immer noch zurück in meine alte Muster und lasse mich von meinem Ego führen. Aber in gewisser Hinsicht ist das auch ok. Jedes Mal wenn ich mich wieder von meinem Ego leiten lassen, werde ich daran erinnert wie schmerzhaft es ist. Die Schmerzen sind meine Warnsignale, die mich dazu bringen wieder ruhig zu werden bevor ich weiter in diese Falle renne.

Ich bin ein Mensch mit Fehler, wie wir alle. Aber ich werde mir langsam die Perfektion meiner Imperfektion bewusst, weil es meine Imperfektion ist die mich zu meiner Perfektion führt. Statt meine negativen Seiten als schlecht anzusehen, betrachte ich sie eher als Warnungen die mich an meine eigenen emotionalen und spirituellen Baustellen erinnern. Baustellen die wir alle haben und die uns zu diesem einzigartigen Menschen machen der wir sind.

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