Katja Laurien

Inspiration auf deiner spirituellen Reise

Erlaube Dir Weniger zu Tun und Mehr zu Sein

7. Februar 2021 • Katja Laurien

Kennst du das Gefühl nicht genug zu tun? Ich rede nicht davon, wenn du ständig Aufgaben ausstellst, sondern wenn dieses Gefühl wie eine dunkle Wolke über dein Leben hängt. Ich dachte eigentlich dieses Gefühl hinter mich gelassen zu haben, aber die Lockdowns in 2020 haben mich eines besseren belehrt…Als die Lockdowns anfingen arbeitete ich noch als Kellnerin und konnte also eine längere Zeit nicht arbeiten. Obwohl ich anfangs sehr glücklich war ein bisschen mehr Zeit zu haben um meine Seele baumeln zu lassen, zu lesen, zu meditieren etc., wurde mir jedoch bewusst, dass ich mich selbst immer öfters fragte ob ich meinen Tag eigentlich produktiv nutzte. Füllte ich meine Zeit tatsächlich mit Dingen die wertvoll waren? Ich hatte am Anfang des Tages eine lange Liste von Dingen die ich tun wollte - ich allerdings nicht machen musste- und legte mich abends immer wieder enttäuscht hin weil mir vieles davon nicht gelungen war. Ich fühlte mich zunehmends wie ein Versager und schämte mich für mein leeres Dasein.

Wenn ich aber rückblickend auf meinen Tag schaute, dann wurde mir klar, dass meine Tage zwar nicht super produktiv waren, aber grundsätzlich sehr angenehm. Ich gab mir selbst oftmals die Zeit um mich einfach in dem Fluss des Lebens treiben zu lassen. Die Dinge die ich tat waren weder auf meiner To-Do-Liste, noch konnte ich jemanden damit beeindrucken - sowie das Lernen einer neuen Fähigkeit, das erweitern meines Intellekts oder das straffen meines Körpers - aber nichtsdestotrotz merkte ich, dass die Aktivitäten mich glücklich machten. Oftmals blieb ich viel zu lange in einem netten (aber sinnlosen) Gespräch hängen, verbrachte ich viel zu viel Zeit beim Kochen einer herrlichen Mahlzeit (die ich dann innerhalb von zehn Minuten verputzte) oder lag ich einfach stundenlang auf dem Sofa und kuschelte mit meinen Katzen.

Natürlich tat ich diese Dinge auch vor dem Lockdown, aber aus irgendeinem Grund fühlte ich mich damals nicht wie ein Versager. Nachdem ich eine Weile nach innen lauschte, wurde mir bewusst, dass der große Unterschied darin lag, dass ich normalerweise noch arbeitete neben meinen “Momenten der Nutzlosigkeit”. Zu arbeiten gab mir das Gefühl das Recht haben auch mal “nichts zu tun”. ** Es fühlte sich an als ob ich meinen Platz auf dieser Welt erst “verdienen” musste indem ich etwas nützliches tat bevor ich mich hingeben konnte und einfach nichts tun konnte.**

Interessanterweise hatte ich kurz vor dem Lockdown angefangen weniger zu arbeiten, gerade damit ich mehr Zeit für mich selbst hatte und ich mehr sein konnte und weniger tun musste. Aber als ich plötzlich die Chance hatte ein paar Monate am Stück einfach nur zu sein, fühlte sich das ganze doch recht unangenehm an. Es gab da eine leise Stimme in mir, die mir erzählte, dass ich nicht das Recht hatte einfach zu sein, es sei denn ich würde der Welt etwas bieten (meine Arbeitskraft, meine Intelligenz, meine Fürsorge) oder ich wenigstens nach außen hin erscheinen würde als eine würdige Person indem ich hübsch und gepflegt aussah und hohe persönliche Ziele erreichte. Mit der Zeit wurde die Stimme immer lauter.

Nach meinem Masterstudium (vor fast sieben Jahren) hatte ich mich sehr bewusst dafür entschieden nicht teilzunehmen am Rattenrennen der Gesellschaft indem ich mich gegen einen akademischen Bureaujob entschied und stattdessen weiterhin kellnerte. Jetzt befand ich mich allerdings plötzlich in einem Rattenrennen mit mir selbst. Wie ironisch… Obwohl ich mein Bestes tat um diesem Gesellschaftlichen Drang zu entkommen und mich nicht beweisen zu müssen mit meiner Produktivität oder meinem sozialen Status, musste ich mir trotzdem eingestehen, dass auch ich feststeckte in dem tief verankerten Glauben nicht genug zu sein, so wie ich bin. Wie auch jeder anderer, spürte ich den Drang um etwas vorweisen zu können. Nicht nur bezüglich bestimmter Leistungen, aber auch in meinen zwischenmenschlichen Beziehungen verspürte ich den Druck um einen Mehrwert zu leisten, um anderen zu helfen und mich unentbehrlich zu machen.

Ich machte mir selbst vor nicht zum Opfer der ergebnisorientierten Gesellschaft gefallen zu sein, nur weil ich andere Ziele hatte. In meinen Tagen als Kellnerin kämpfte ich zwar nicht mit Fristen oder das Erklettern der Karriereleiter, dafür arbeitete ich oft sehr hart und hatte ich ein übermäßiges Verantwortungsgefühl. Außerdem verspürte ich nicht den Drang um allen zu zeigen wie schlau und intellektuell ich bin, war aber sehr damit beschäftigt an meiner Persönlichkeit zu arbeiten und meine Aufmerksamkeit, Empfänglichkeit, Sensibilität, Kreativität etc. zu verfeinern. Nur weil ich nicht die konventionellen Ziele verfolgte, bedeutete das noch längst nicht, dass ich nicht auch an einem inhärenten niedrigen Selbstbewusstsein litt, welches mich dazu veranlasste mich selbst beweisen zu wollen.

Fast jeder versucht sich seinen Platz auf dieser Welt zu “verdienen”, als ob es nicht genügt einfach nur sein liebliches Selbst zu sein. Hast du dich jemals gefragt warum Menschen heutzutage so gestresst sind? Und noch schlimmer - warum Menschen stolz darauf sind beschäftigt zu sein? Wir versuchen wie verrückt jedem - inklusive uns selbst - zu beweisen, dass wir wertvoll sind, was aus einer evolutionären Perspektive Sinn macht. Um überleben zu können müssen wir respektierte Mitglieder der Gesellschaft sein und dafür müssen wir unseren Wert beweisen. Aber wir realisieren uns nicht, dass je mehr wir versuchen unseren Wert über bestimmte Leistungen zu beweisen (statt uns einfach wertvoll zu fühlen), wir nur umso weniger wertvoll sein können. All unsere Aufmerksamkeit und Absichten sind darauf ausgerichtet unseren Platz auf der Welt zu verdienen, statt einfach auf das was wir gerade tun. Auf einem energetischen Level werden diese “unechten” Bemühungen zu wenig dauerhaften Auswirkungen führen. Die Energie hinter unseren Aktionen sind die der Angst und der Kontrolle und kommen nicht aus der Tiefe unserer Seele.

Im Grunde genommen liegt das Problem nicht bei der Aktion selbst - wir können weiterhin versuchen tolle Ziele zu erreichen und bedeutungsvolle Verbindungen mit anderen aufzubauen - aber wir müssen uns bewusst sein welche Energie hinter ihnen steckt. Wenn es dein Ziel ist dein Studium nur mit Einsen zu absolvieren, damit du dein Selbstwertgefühl einen Boost geben kannst, dann kannst du besser an dein innerliches Selbstwertgefühl arbeiten statt an deinen Noten. Bald wird jeder, auch du, deine Noten vergessen, aber dieses Gefühl der Leere wird dich immer noch begleiten.

Paradoxerweise müssen wir erst lernen um “leer” zu sein und um “niemand” zu sein, bevor wir wirklich erfüllt und “jemand” sein können. Nur wenn wir uns selbst erlauben können einfach zu sein ohne jemandem etwas zu beweisen, können wir anfangen Dinge zu tun die von Bedeutung sind. Das Tun wird zunehmends müheloser und geht langsam über in einen Zustand des Seins. Wir können endlich aufhören unser Handeln zu überdenken und unsere Persönlichkeit zu polieren und einfach nur den Weg unseres strahlenden Selbst verfolgen.

Ich erinneren mich an die Tage als ich versuchte mich gesund zu ernähren um abzunehmen. Obwohl ich ab und zu für kurze Zeit erfolgreich war, würde ich früher oder später wieder rückfällig. Meine Motivation war nicht im Einklang mit meinem wahren Ich und ich konnte dementsprechend keine dauerhafte Ziele erreichen. Ich wurde getrieben von meinem Selbsthass und der Angst mit solch einem Körper gesellschaftlich nicht anerkannt zu werden. Als meine Liebe zu mir selbst wuchs und ich einfach meinen wertvollen Körper und Geist nicht mehr mit schädlichen Essen belasten wollte, wurde es plötzlich so einfach mich gesund zu ernähren! Gesund zu essen war nicht mehr etwas wozu ich mich selbst zwingen musste, es passierte mühelos, genauso wie essen grundsätzlich ganz natürlich passiert. Außerdem macht es mir unheimlich viel Spaß gesunde Mahlzeiten zuzubereiten und mich selbst zu verwöhnen mit hochwertigem Essen welches durchtränkt ist mit Liebe :) Aber erst musste ich die Person sein die dies tun wollte, statt dies zu tun um eine bestimmte Person zu sein.

Und der Schlüssel liegt, offensichtlich, bei unserem Selbstwertgefühl. Wenn wir wirklich fühlen, dass wir es verdient haben ein bestimmtes Ziel zu erreichen, wird das Erreichen des Ziels ein Leichtes. Unser mangelndes Selbstwertgefühl erschwert uns das Erreichen des Ziels nicht nur, sondern verringert auch unsere Auswirkung auf andere. Wir sind uns oftmals nicht bewusst wie selbst absorbiert unser niedriges Selbstwertgefühl uns macht, da wir grundsätzlich nur daran interessiert sind unsere egozentrische Bedürfnisse zu erfüllen und gut auszusehen für die Außenwelt. Wenn wir allerdings nicht mehr unserer versteckten Agenda folgen, können wir anfangen uns auf unser Handeln zu fokussieren und nicht mehr auf das dahinter liegende Ziel. Wir fangen an Dinge zu tun weil wir sie wirklich tun wollen und nicht weil wir denken sie tun zu müssen. Selbstverwirklichung und Mitgefühl werden die treibenden Kräfte statt Angst und Sorge.

Deinen eigenen Wert zu erkennen befreit dich nicht nur von den Fesseln der Selbstabsorption, sondern erlaubt uns auch uns wirklich mit den Menschen um uns herum zu verbinden. Wir können nämlich nicht unsere eigene wahre Natur erkennen, ohne die wahre Natur aller Wesen zu erkennen. Indem wir unseren eigenen Wert erkennen, werden wir auch den Wert jeder anderen Seele erkennen können. Wir werden verstehen, dass es nur die verletzten Teile unseres Selbst sind die uns daran hindern unsere innere Schönheit nach außen zu strahlen. Wir werden wissen, dass die Schönheit in jedem von uns ruht und sie nur sichtbar werden kann wenn wir uns selbst genügend lieben um einfach nur zu sein. Mit dieser Erkenntnis wird es uns leichter fallen um andere bedingungslos zu akzeptieren, indem wir uns konzentrieren auf wer sie sind, statt auf was sie tun. Zwar muss jeder diese Liebe in sich selbst finden, aber jemanden um sich herum zu haben der einen schon so akzeptiert wie man ist, kann eine riesige Stütze sein.

Bevor du dich jetzt auf die Suche nach deinem Selbstwert und deinem Wahren Ich machst, sei es durch Meditation und Achtsamkeit, Innere Kind Arbeit oder Übungen zur Selbstliebe, möchte ich dich gerne an eines erinnern: Der Weg ist das Ziel. Lass dich nicht von deinem alten Muster verleiten, in dem du das Ziel nur erreichen möchtest, damit du nach außen hin einen besseren Eindruck machst. Vielleicht hilft es dir wenn ich sage, dass es kein Ziel gibt. Der Weg zu unserer Seele ist endlos, es verlangt ständige Aufmerksamkeit und Zuwendung. Und der einzige Weg um uns an den Früchten unserer Arbeit zu erfreuen, ist indem wir präsent bleiben und wir die Entfaltung unseres Selbst beobachten, mit all seinen Höhen und Tiefen, vollbrachten Leistungen und wichtigen Lektionen, Hoffnung und Verzweiflung. Betrachte die Evolution deiner Seele wie die Entwicklung deines Kindes. Du willst doch nicht etwa, dass dein Kind innerhalb einer Woche erwachsen ist? Genieße die Entwicklung deines wahren Selbst mit derselben Hingabe, Liebe und Begeisterung und fange an jede Facette deines Seins zu schätzen, unabhängig deines Tuns.

“Gier nach einem Ergebnis verhindert das Erblühen der Selbsterkenntnis. Die Suche an sich ist Hingabe, sie selbst ist die Inspiration.”

- Jiddu Krishnamurti