Katja Laurien

Inspiration auf deiner spirituellen Reise

Der Umgang mit Spirituellem Bypassing

2. Mai 2021 • Katja Laurien

So ziemlich jeder der auf dem spirituellen Pfad ist wendet früher oder später die gelernten Übungen an um emotionalen Schmerz oder ungewollten Wahrheiten zu umgehen. Oft passiert das indem wir übermäßig positiv denken und das Negative leugnen (Ich, wütend? Keineswegs!) oder wir mit unserem Ratio bestimmen wie wir uns fühlen sollten, statt einfach zu schauen was sich gerade in unserem Inneren abspielt (“Ich kann nicht wütend sein. Wut kommt aus dem Ego hervor und ich bin NICHT mein Ego!"). Deze Tendenz wird auch spirituelles bypassing genannt und führt oft dazu, dass Menschen auf ihrer Reise stecken bleiben.

Meiner Meinung nach ist spirituelles bypassing ansich kein Problem. Es ist ein natürlicher Mechanismus des Egos welches ein Teil der Reise ist und uns letztendlich hilft zu wachsen. Es ist allerdings wichtig diesen Mechanismus zu beleuchten um diese egoïsche Tendenz zu transzendieren damit die Seele und das Ego integriert werden können. Dieser Mechanismus kann äußerst subtil und überzeugend sein, indem es uns das Gefühl gibt die spirituellen Prinzipien gemeistert zu haben und vor allem aber auch unser Ego gemeistert zu haben. Den spirituellen Bypass zu entdecken und ihn loszulassen kann sehr schwierig sein, da es uns den Eindruck gibt dem Ego erlegen zu sein. Paradoxerweise müssen wir aber erst die menschliche Seit in uns anerkennen - inklusive der Negativität und der Einschränkungen - um die spirituelle Seite in uns zu wecken.

Meistens kann man sich beim spirituellen Bypass ertappen, wenn man übermäßig positiv ist oder wenn man schnelle Resultate erzielen möchte. Es gibt viele Techniken die einem schnelle Resultate versprechen. Manchen Menschen helfen diese Techniken, aber ich sehe es als eine Art und Weise sich nicht den tiefen und intensiven Gefühlen in uns stellen zu wollen. Es ist wie ein Haus das man schnell und aus billigem Material gebaut hat: Man kann drin wohnen, aber es instabil und wird eines Tages auseinander fallen. Wir können dem Schmerz der in uns ist und gefühlt werden möchte einfach nicht entkommen. Außerdem kannst du dir auch relativ sicher sein, dass du gerade am bypassen bist, wenn du deine spirituellen Praktiken überdenkst. In dem Moment wo dein Geist in einem hohen Denk-Modus ist, bist du wahrscheinlich unterbewusst auf der Suche nach einer Art und Weise um dem unerwünschtem Gefühl zu entkommen.

Wie ich aber schon erwähnte, ist der Bypass selber nicht so ein Problem. Wir tun es alle, es ist Teil unserer Natur. Letztlich wäre sogar das loswerden des Bypasses eine Form des bypassen. Jede egoische Tendenz - auch die des Bypass - enthält eine Botschaft die gerne enthüllt werden möchte. Indem wir unsere Tendenz den Gefühlen zu umgehen versuchen zu umgehen, umgehen wir auch der wertvollen Lektion. Der Bypass ist nicht was Problem; was auch immer an die Oberfläche kommt ist nicht das Problem, aber wir können wählen wie wir damit umgehen wollen. Ich habe ehrlich gesagt noch nie so intensiv darüber nachgedacht wie ich mit meinem spirituellen Bypass umgehen möchte bis zu diesem Monat, wo ich mich in einem komplizierten tanz zwischen dem egoischen Teil und den spirituellen Teil in mir befand. Ich war sehr dankbar dafür, dass ich mich letzten Monat mit diesen beiden Teilen in mir befasst habe, was mir diesen Monat geholfen hat meine Gefühlen und Verhalten Bedeutung zu geben.

Ich fange mal damit an dir etwas Hintergrundinformation zu geben. Mein Vater liegt zur Zeit auf der Intensivstation. Er hat sich Corona eingefangen und da er schon seit Jahren an COPD leidet, hat das mit dem Virus schnell zu Komplikationen geführt. Er ist grundsätzlich sehr gesund und äußerst fit, dementsprechend kam die Nachricht wie ein Schock für mich. Anfangs wollte ich es einfach nicht wahrhaben. Als mein Vater mir das erste Mal erzählte, dass er Corona hatte, aber nur an leichten Grippesymptomen litt, ging ich davon aus, dass das Ergebnis falsch positiv gewesen musste und dass er eine normale Grippe hatte (ich war mir natürlich bewusst, dass corona mit seinem COPD zu Komplikationen führen würde). Als er mir ein paar Tage später erzählte, dass er im Krankenhaus lag dachte ich allen ernstes, dass es nur ein Spaß war. Ich wollte einfach nicht akzeptieren, dass mein geliebter Vater in so einer Position war und konnte dem Schmerz einfach nicht entgegnen. Als mein Vater dann aber einen Tag später auf der Intensivstation im künstlichen Koma lag, konnte ich meine Gefühle nicht mehr davon abhalten an die Oberfläche zu kommen.

Anfangs fühlte ich mich so überwältigt von den Emotionen, dass ich nichtmals versuchte sie zu unterdrücken. Aber schon schnell ertappte ich mich dabei mich tröstete mit spirituellen Slogans wie “Alles hat einen Grund” und “Seine Seele weiß was für ihn am Besten ist”. Wenn du meinen Blog im letzten Jahr etwas verfolgt hast, wirst du wissen, dass ich mich sehr damit beschäftigt habe meinen negativen Emotionen einen Platz in meinem Leben zu geben. Mir wurde schnell bewusst, dass diese Slogans meinen Schmerz und meiner Trauer nicht gestatteten an die Oberfläche zu kommen. Dies war mein erster spiritueller Bypass der schnell gefolgt wurde vom nächten Bypass: Ich versuchte die “positiven” Slogans zu unterdrücken um die negativen Emotionen an die Oberfläche lassen - damit ich den Schmerz schnell transzendieren konnte und wieder in Frieden leben konnte. Offensichtlich funktionierte dieser Plan nicht wirklich und war ich letztlich nur verwirrt und ausgelaugt.

Ich ertappte mich dabei zu denken wie ich mich fühlen sollte statt einfach zu fühlen was ich fühlte. Meine Gedanken suchten wie verrückt nach einer Lösung wie ich am Besten mit dieser Tragödie umgehen konnte. Wie sollte ich reagieren? Wie konnte ich diese Situation meistern ohne allzu viel Schmerz zu spüren? In meiner Verwirrung und emotionalen Schmerz hatte ich irgendwann einfach keine Kraft mehr eine Lösung zu suchen. Ich übergab mich einfach meinem menschlichen Dasein. Mir wurde bewusst was da vor sich ging und dass ich in meinem eigenen sich widersprechenden spirituellen Bypass feststeckte. Das führte mich aber zu einer wichtigen Einsicht: dass das eingestehen von Schwäche und Verletzlichkeit, nicht nur von mir selbst, aber vor allem auch von einem Elternteil, für mein Inneres Kind sehr beängstigend ist.

Als ich jung war litt meine Mutter unter Depressionen die mich als Kind sehr hilflos haben fühlen lassen. Über die Jahre habe ich unterbewusst eine Wut gegenüber der Opferhaltung und Schwäche meiner Mutter entwickelt. Indem ich ihr die Schuld gab, konnte ich weiterhin den Schmerz meiner eigenen Hilflosigkeit aus dem Weg gehen. Offensichtlich konnte ich diesen Abwehrmechanismus nicht gebrauchen im Fall meines Vaters. Mir blieb nichts anderes übrig als den Schmerz zu spüren den ich jahrelang versucht hatte aus dem Weg zu gehen. In der Sicht meines Inneres Kindes sind meine Eltern die Quelle meiner Lebensenergie und wenn es ihnen an Kraft und Gesundheit fehlt, dann ist es fast als ob mir meine eigene Lebenskraft fehlt. Als ich mir bewusst wurde wie tief verankert dieses Kindheitstrauma in mir war, verstand ich auch sofort weshalb der menschliche Teil in mir diesen Schmerz abwenden musste damit ich nicht überwältigt wurde.

Diese Einsicht hat mich dazu geführt mir eine emotionale Schutzmauer zu gestatten. Ich erkannte wie schmerzhaft es sein würde dieses Gefühl der Hilflosigkeit und Verletzlichkeit ungefiltert in mein Bewusstsein zu lassen. Im Grunde erlaube ich mir mein eigenen spirituellen Bypass, aber ich tue es bewusst. Ich beobachte mich selber weiterhin: mein Verhalten, meine Gedanken, meinen Gefühle. Ich gestatte mir selber so viel Schmerz zuzulassen wie ich tragen kann. In diesem Prozess ist es unheimlich wichtig einen Inneren Beobachter zu haben. Dieser Beobachter sorgt nämlich dafür, dass der menschliche Teil in dir sich sicher und umsorgt fühlt. Nur unter der Begleitung dieses liebevollen Anteils in dir, kannst du dich langsam deinem Schmerz ergeben. Dieser Prozess kann nicht kontrolliert werden und wird solange dauern wie es dauert. Wenn wir augenblickliche spirituelle Resultate erreichen wollen - einschließlich das sofortige Spüren des Schmerzes nur um es schnell transzendieren zu können - werden wir nicht von unserem Wahren Selbst geführt, sondern von unserem Inneren Diktator, ein Kollege des Egos.

Als ich mir gestattete einfach nur Mensch zu sein, meinen Schmerz nicht gänzlich zulassen zu können, den Schmerz mit spirituellen Slogans zu besänftigen, änderte sich plötzlich etwas. Ich fing an wahre Momente der Hoffnung, der Liebe, der Verbundenheit und der immensen Dankbarkeit zu spüren. Diese Gefühle waren kein Produkt meiner Gedanken, sondern kamen einfach so in mir auf. Auch der Schmerz kam in mir auf und zerdrückte mich fast. Mein Herz schmerzte und mein Körper war ausgelaugt und kraftlos. Ich kämpfte nicht mehr dagegen und ließ einfach alles geschehen. Nie zuvor habe ich Schmerz in dieser puren Form erlebt und es hat mich näher an meinen Vater, an mich selbst und ans Leben gebracht.

Natürlich begebe ich mich weiterhin im “Denkmodus”, was für mich immer ein Zeichen ist, dass ich irgendein Gefühl versuche zu verdrängen (und ich mich also im Bypass befinde), aber ich erlaube mir weiterhin einfach zu erleben was in mir hochkommt. In der Zwischenzeit hält mein Innerer Beobachter mich liebevoll und ohne Kontrolle im Auge, wodurch ich mich langsam traue mein Herz zu öffnen. In dieser Periode ist mein sehr offen was dazu führt, dass ich die Liebe zu meinem Vater und all den fürsorglichen Menschen in meinem Leben intensiv erleben kann. Dieses Gefühl der Verbundenheit erlaubt mir mitten in dieser schrecklichen Zeit auch Momente des Glücks zu erfahren.

Zur gleichen Zeit macht die Offenheit meines Herzens mich sehr verletzlich und empfänglich für den Schmerz. Vor allem wenn ich meinen Vater besuche, wenn diese grauenhafte Situation so “echt” und greifbar wird, werde ich vom Schmerz fast überspült. Ich denke nicht, dass ich jemals so viel Schmerz und Hoffnungslosigkeit erlebt habe wie in diesen Momenten, aber mittlerweile weiß ich, dass mein Wahres Selbst immer bei mir ist und dass die Gefühl Teil meiner Reise sind.

Jetzt kann ich erkennen, dass die Situation mir die Chance gegeben hat um mich mit den untragbaren Emotionen meiner Kindheit auseinander zu setzen, welche ich allen Anschein nach verstecken musste um mich in diesem Leben sicher zu fühlen. Ich habe gelernt meine Reaktionen (und die Reaktionen anderer) zu verstehen und ich begreife dass unsere egoischen Reaktionen legitim sind. Der spirituelle Pfad ist wunderbar und die Ziele sind sicherlich erstrebenswert, aber wir müssen verstehen, dass der Pfad nicht in einer geraden Linie verfolgt werden sollte. Alles kommt zu seiner rechten Zeit und es gibt nichts was wir machen könnten. Das einzige was wir machen können ist, ist achtsam bleiben. Wir können bewusst wahrnehmen in welchen Zustand wir uns befinden und wissen, dass jeder Zustand genau der richtige ist für uns um unsere individuelle Lektion zu lernen. Wir sollten die Idee loslassen, dass eine spirituelle Person auf einer bestimmten Art und Weise agiert und wie diese Person handeln sollte. Stattdessen sollten wir unsere Aufmerksamkeit auf unser Wesen richten - so wie es ist, ohne es ändern zu wollen.