Katja Laurien

Inspiration auf deiner spirituellen Reise

Das Moralische Urteilen Loslassen

3. Januar 2021 • Katja Laurien

Einer meiner Neujahrsvorsätze für dieses Jahr ist es meine moralischen Urteile loszulassen. Ich möchte schon seit einer ganzen Weile aufhören zu urteilen, aber dieses Vorhaben ist nie weiter gekommen als bis zum Verstand. In meinem Herzen schaffte ich es nie wirklich durchzusetzen, weil ich immer wieder eine Ausrede fand weshalb ich das “Recht” hatte zu urteilen.

Meine Lieblingsausrede war immer meine Moralität. Aus irgendeinem Grund habe ich eine sehr strikte (und rigide) Moralität entwickelt über die sich sogar meine Eltern manchmal lustig machen (offensichtlich haben sie mir diese fast autistische Form der Moralität nicht beigebracht). Ich habe mich immer gewundert wo dieses starke Gefühl für Moral herkam und obwohl mich meine eigenen Regeln und Vorschriften manchmal auf die Nerven gingen, war ich im Allgemeinen sehr stolz auf mich selbst und fühlte mich manchmal dadurch besser als andere. Im Nachhinein fühlt es sich fast so an als nutzte ich meine Moralität um zu kompensieren für den Mangel an Selbstliebe und mein schlechtes Selbstwertgefühl. Es kommt mir vor als hätte ich meine Moralität benutzt um mich wertvoll zu fühlen, da mir dieses Gefühl im Inneren fehlte.

In den letzten Jahren habe ich jedoch mein Selbstwertgefühl erheblich verbessert. Dadurch wurde mir langsam bewusst, dass meine moralischen Urteile mich zunehmend unglücklicher machten. Plötzlich erkannte ich wie viel Frust und Ärger ich verspürte gegenüber Menschen die sich meiner Meinung nach unmoralisch verhielten. Die beruhigende und selbstbestätigende Energie die ich vorher von meiner Moralität bekam, änderte sich in eine Bestätigung, dass andere Menschen nicht gut genug waren. Immerfort denken zu müssen wie “schlecht” andere Menschen sind, ist ziemlich belastend und energieraubend, glaube mir. Natürlich raubte es mir alle meine Energie mich immer wieder der Realität zu widerstreben: Das es Menschen gibt die Dinge tun denen ich nicht zustimme. Wenn jeder doch nur so wie ich wäre, wäre das Leben so viel einfacher! Aber Menschen sind nunmal nicht so wie ich, und so wurde mein Leben immer schwieriger, frustrierender und voller Widerstand und Wut. Irgendwann vermied ich jeglichen sozialen Kontakt soweit wie möglich, nur um zu verhindern, dass ich mich darüber aufregen muss, dass andere ihr Leben nicht so führen wie ich es gerne hätte.

In einer gewissen Weise hat die Corona Krise mir geholfen dieses Muster zu durchbrechen. Ich bin sehr dankbar für dieses riesige, lebensechte “Theater” in dem ich von einem Abstand beobachten konnte wie Moralität funktioniert. Oder besser gesagt: Wie ineffektiv und vor allem destruktiv sie ist. Menschen mit allen möglichen Meinung haben sich gegenseitig bombardiert mit moralischen Urteilen, die alle einen gültigen Aspekt hatten, aber auch alle nicht miteinander zu vereinen waren. Mir wurde bewusst wie nutzlos es ist einen moralischen Standpunkt durchdrücken zu wollen in einer Welt die viel zu komplex ist um auf der Sachebene bestimmen zu können was “richtig” und was “falsch” ist. Ein moralisches Urteil zu haben impliziert, dass es eine wahrhaftige Wahrheit gibt, als ob es so etwas wie “‘das wahre morale Handeln” gäbe.

Ich glaube an Moral auf der Metaebene, aber nicht auf der Sachebene. Unser Leben ist weitaus zu komplex um deutliche Moralität bestimmen zu können. Gucken wir uns doch mal die folgenden Beispiele aus der heutigen Krise an: Die Maßnahmen werden genommen um zu verhindern, dass Menschen krank werden und eventuell sterben. Aber zur gleichen Zeit bewirken die Maßnahmen, dass Menschen (vor allem in armen Ländern) unter Hunger leiden weil der Tourismus ausbleibt und es auch keine staatliche Unterstützung gibt. Ist es nun also unmoralisch um in die Ferien zu gehen? Oder ist es ist unmoralisch Zuhause zu bleiben? In den westlichen Ländern haben wir weniger mit Hunger zu kämpfen, sondern eher mit Depressionen. Soziale Isolation kann nämlich genauso zerstörend sein wie das Virus. Manche würden das Risiko laufen sich zu erkranken, damit sie Weihnachten mit ihren Geliebten verbringen können statt alleine zu bleiben. Es ist nun also unmoralisch um Oma zu Weihnachten zu besuchen oder ist es unmoralisch sie alleine Zuhause zu lassen, während du umgeben bist von deinem Ehemann und deinen Kindern? Wer entscheidet nun über richtig und falsch?

“Jenseits von richtig und falsch liegt ein Ort. Dort treffen wir uns.”

- Rumi

Obwohl viele Mensche einsehen, dass es unmöglich ist eine einheitliche Vereinbarung zu treffen über moralisches Verhalten, fürchten sich viele für diese Weltanschauung. Wir haben Angst, dass ohne eine klare Definition von Moralität, Menschen sich außer Rand und Band benehmen würden und keine Rücksicht nehmen würden auf andere. Wir befürchten, dass Menschen sich durchgehend daneben verhalten würden, wenn wir ihnen nicht sagen wie sie sich zu verhalten haben. Ohne Konsensus über richtig und falsch würden unsere Partner uns ständig betrügen, unsere Nachbarn würden uns beklauen und unsere Kollegen würden uns nicht mehr unterstützen. Wir denken unsere Bedürfnisse würden nicht befriedigt werden, aber realisieren uns nicht, dass indem wir an unsere moralischen Urteile weiterhin festhalten, wir dafür sorgen, dass unsere Bedürfnisse teilweise nicht befriedigt werden.

Erstens versichern wir, dass wir in der Emotion der Wut hängen bleiben. Zu glauben, dass unsere moralen Werte gültig sind, gibt uns das Gefühl das Recht zu haben wütend zu sein. Wir hoffen, dass unsere Wut eine effektive Strafe ist und dass der andere dann sein Verhalten verändert. Oftmals ist allerdings das Gegenteil der Fall und wird der andere wohl eher an seinem Verhalten festhalten, was eine natürlich Reaktion ist die bekannt steht als Reaktanz. Reaktanz ist eine Reaktion die entsteht, wenn wir das Gefühl haben in unserer Freiheit eingeschränkt zu werden. Um das Gefühl der Freiheit und Selbstbestimmung wieder im Einklang zu bringen, tun wir genau das was nicht von uns erwartet wird. Dadurch, dass der andere sein Verhalten nicht für dich anpasst und du dich dazu berechtigt fühlst wütend zu sein, sorgst du dafür, dass du das Gefühl der Wut viel länger festhältst als gut ist für dich. Bis zu einem gewissen Grad ist Wut sehr nützlich, so wie jede andere Emotion, aber indem wir uns festklammern an die Wut, entnehmen wir uns selber die Chance um zu sehen was hinter der Emotion steckt und somit wichtige Lektionen verpassen.

Eine der Lektionen die wir alle lernen müssen, wenn wir feststecken in moralische Urteile ist die Kunst der Empathie und des Mitgefühls. Egal was jemand macht und wie sehr wir das als “falsch” abstempeln, in der Tiefe unserer Seele sind wir alle unendlich gut und wollen wir alle glücklich sein. Also, statt über den anderen zu urteilen, können wir die Chance auch ergreifen um unser Herz zu öffnen indem wir unsere Empathie und unser Mitgefühl pflegen. Wenn du im Hinterkopf behältst, dass jeder “gut” und glücklich sein möchte, dann versuche dich in die Lage des anderen hinein zu versetzen und dir vorzustellen was sein Verhalten möglich für ihn selbst bedeutet. Viele Menschen tun Dinge die nicht ihrem eigenen moralischen Standard entsprechen, aber der Drang um es doch zu tun kommt aus dem tiefsten Inneren. Oftmals kommt dieses Verhalten aus Traumata und unserem Überlebensinstinkt hervor, welches immer ein Produkt unseres Unterbewusstseins ist. Deswegen kann man nicht einfach annehmen, dass jemand eine bewusste Entscheidung trifft. Diese Entscheidungen sind unterbewusst (obwohl sie aussehen wie bewusste Entscheidungen), und oft verstehen die Menschen selber nicht wo ihr Verhalten herkommt. Um ihr Verhalten zu rechtfertigen, nutzen sie oft ihre Abwehrmechanismen welche auf Illusionen basieren.

“Einem hungrigen Magen ist nicht gut predigen.”

- Redewendung

Wir werden alle bis zu einem gewissen Grad von unserem Unterbewusstsein ferngesteuert, welches uns unseren freien Willen nimmt. Jeder hat ein anderes Bewusstseinsniveau und manche sind bewusster in einem Aspekt als der andere. Inwiefern macht es also Sinn um Menschen zu verurteilen über eine Sache von der sie sich nichtmals bewusst sind? Natürlich könnte man sagen, dass diese Menschen mehr Bewusstsein kreieren sollten und öfters meditieren sollten, aber man könnte auch sagen, dass man sich selber öfter aufs Meditationskissen setzen sollte und Empathie üben sollte, wenn man sich festklammert an ein moralisches Urteil. Empathisch gegenüber einen anderen zu sein, impliziert immer, dass man auch Empathie für sich selbst hat. Versuche also auch Selbstmitgefühl in deine Meditationen einzubringen, wenn du dein Urteil gegenüber andere überwinden möchtest. Letztendlich ist das kultivieren von Mitgefühl immer heilsam für sowohl dich selbst als auch den anderen.

Behalte immer im Hinterkopf, dass wir einfach nicht in einer perfekten Welt leben (jedenfalls diese nicht so wahrnehmen) und wir also nicht erwarten sollten, dass sie es ist. Bedeutet das, dass wir jegliches Verhalten akzeptieren sollten? Nein, es gibt Raum für Verbesserung. Aber es gibt einen Unterschied zwischen dem Stellen einer Bitte und das akzeptieren eines “Neins” oder dem verurteilen eines anderen weil es sich nicht entsprechend unserer Wünsche verhält. Nochmals, diese Akzeptanz ist nicht etwas was du nur für den anderen machst, aber das Loslassen deines Urteils bringt auch dir viele Vorteile. Neben der Tatsache, dass du innerlichen Frieden spürst statt Wut und du deine Empathie üben kannst, kannst du auch deinen Horizont erweitern indem du eine andere Perspektive akzeptierst. Auf diese Art und Weise kreierst du Platz in deinem Herzen und deinem Verstand für kreative Lösungen. Wenn wir wütend sind neigen wir dazu das Urteil mental immer wieder zu wiederholen, wodurch uns wenig mentalen Raum bleibt für andere Optionen. Indem wir unsere moralischen Urteile loslassen öffnen wir die Tür zu einer anderen Welt. Es ist eine Welt in der es mehrere Möglichkeiten gibt, in der wir die Perfektion des Universums sehen können und wir plötzlich verstehen warum gewisse Dinge passieren und manche Menschen sich auf einer bestimmten Weise verhalten. Es ist die Welt des puren Bewusstseins in der man alles genauso sehen kann wie es ist: Perfekt.

Zu allerletzt, möchte ich dich dazu raten weder deine moralen Werte, noch dein Urteil loszulassen, sondern nur die Kombination dieser beiden. Es ist in Ordnung etwas zu mögen oder auch nicht, es wird nur brenzlig wenn du es mit einem moralischen Wert verbindest. Auf der anderen Seite, ist es auch toll einen Sinn für Moral zu haben, den man als persönliche Richtlinie nutzen kann. Ich bin sehr froh, dass ich nicht den Drang verspüre um zu lügen, zu stehlen oder anderen Schaden zuzufügen um mich gut und sicher zu fühlen. Damit ist auch nichts verkehrt. Vor allem wenn unsere Moralität aus dem Herzen und nicht aus dem Verstand herauskommt, können wir darauf vertrauen, dass es uns hilft richtige Entscheidungen zu treffen. Sei dir einfach nur bewusst, dass deine Moralität der beste Weg ist um dein Glück zu erzielen, was nicht unbedingt der Fall ist für einen anderen. Jeder geht seinen individuellen Weg und muss andere Lektionen lernen um zu wachsen. Sei einfach dankbar für die Tatsache, dass das Treffen von schwierigen und eventuell unmoralischen Entscheidungen (nicht mehr) Teil deines Weges ist. Danke dir selbst für deine mentale, emotionale und spirituelle Stabilität welche dir erlaubt in die Güte des Universums zu vertrauen und dich nicht dazu verleitet die ‘Kontrolle" über dein Leben zu ergreifen auf eine Weise die anderen Schaden zufügen könnte. Dieses Gefühl der Sicherheit zu spüren ist ein unheimliches Privileg und Mitgefühl verspüren zu können für andere die das nicht haben, ist wiederum ein weiteres Privileg. Es erlaubt dir Dankbarkeit zu verspüren und öffnet dein Herz. Gibt es ein größeres Geschenk als ein Leben mit innerlichen Frieden und offenes Herz?

Ich schließe diesen Post ab mit einem ganz einfachen, aber super wirksamen praktischen Tipp: Entferne das Wort “sollen” aus deinem Vokabular. Wann immer du dich dabei ertappst zu denken, etwas sollte anders sein, mache dir bewusst, dass es nicht so ist. Hole dich zurück in die Realität und zu dem was ist und nicht das was sein sollte. Sich dieses unproduktiven Gedankenganges bewusst zu sein wird dir wahrscheinlich wieder auf dem richtigen Kurs helfen, was zu Frieden, Liebe und Dankbarkeit führt.