Katja Laurien

Inspiration auf deiner spirituellen Reise

Durchschaue die Illusionen: Abwehrmechanismen

5. Juli 2020 • Katja Laurien

In den letzten Monaten bin ich durch eine emotional sehr turbulenten Phase gegangen. Dies war nicht die erste emotionale Achterbahn die ich befahren durfte, aber die Tatsache, dass der Auslöser etwas vage war, war sehr verwirrend. Ich verstand nicht wirklich was mit mir los war, aber zum Glück war ich weise genug um meinen Verstand auszuschalten und stattdessen meine Gedanken, Gefühle und Benehmen einfach zu beobachten. Dank meiner Meditationspraxis war es nicht schwierig für mich im Beobachtermodus zu bleiben. Ich schaute zu wie der Sturm um mich herum wirbelte und sich jedes Mal wenn er sich legte, nur mehr Klarheit in mir entfaltete. Der Sturm kam immer wieder zurück und über die Zeit hinweg wurde mir die Welt immer klarer und fing ich an ein paar simple Illusionen zu durchschauen. Die meisten dieser Illusionen waren mir auf einer rationalen Ebene schon längst bewusst, aber jetzt konnte ich endlich Teile der Wahrheit richtig erfahren. Als ob die Wahrheit mit dem emotionalen Sturm langsam von meinen Kopf in mein Herz gewandert wäre…

Wie ich schon erwähnte, hatte ich eine Weile nicht wirklich eine Idee was genau mit mir los war, außer dass es einen unheimlichen Effekt auf mich hatte meine Emotionen nicht zu kontrollieren. Gerade als die Stürme weniger heftig wurden und weniger häufig auftraten, zog ich aus dem Bücherschrank meiner Mutter ein Buch hervor welches mir meine eigene Situation genau beschrieb. Das Buch heißt “Illusions - How to escape the labyrinth of destructive emotions” von der holländischen Psychologin Ingeborg Bosch (dieses Buch ist leider nicht auf Deutsch erhältlich, dafür hat sie ein anderes Buch auf Deutsch welches denselben Prozess beschreibt). In dem Buch beschreibt sie die Past Reality Integration (PRI) Therapie die ich anscheinend ohne es zu wissen teilweise auf mich selber angewendet hatte. Obwohl meine Emotionen nicht mehr ganz so heftig waren wie zuvor, fand ich es toll um zu verstehen was ich da erlebt hatte, damit ich diese Erfahrung mit dir teilen kann, was dir wiederum dabei helfen kann deine eigenen Illusionen zu durchschauen!

Es ist ein ziemlich langer Prozess und deswegen werde ich jetzt nicht alles in ein Post quetschen, sondern werde dir den Prozess in verschiedenen Teilen darlegen. Dieser Post befasst sich mit dem ersten Teil: Deine Abwehrmechanismen verstehen und erkennen. Abwehrmechanismen haben einen schlechten Ruf, nicht ganz ohne Grund. Ohne unsere Abwehrmechanismen wäre es um einiges einfacher uns mit uns selbst und anderen in Verbindung zu setzen. Wir wären freier, würden mehr Intimität, Freude, Mut und Stärke in unserem Leben kennen und genießen. Aber um uns wirklich von unseren Abwehrmechanismen zu lösen, müssen wir sie erst erkennen und uns mit ihnen anfreunden. Wie alles andere im Leben, kannst du nicht erwarten etwas zu transformieren ohne es erst wirklich zu verstehen und zu akzeptieren.

Zuallererst ist es sehr wichtig zu verstehen, dass die Abwehrmechanismen eine Funktion in unserer Kindheit gehabt haben und nicht nur da sind um uns das Leben zur Hölle zu machen. Kinder sind vielen potentiell gefährlichen und bedrohlichen Situationen ausgesetzt die ihre kleine Gehirne noch nicht verarbeiten können. Das Überleben Kinder ist gänzlich abhängig von der Fürsorge und Liebe Erwachsener, weswegen nur schon der kleinste unerfüllte Wunsch sich lebensbedrohlich anfühlen kann. Um mit diesen Schwierigkeiten im Leben umgehen zu können, entwickeln Kinder Abwehrmechanismen. Jeder Mensch entwickelt diese Mechanismen, nicht nur Kinder aus unharmonischen Familien. Das kleinste bisschen an Gewalt oder Vernachlässigung kann extremst bedrohlich interpretiert werden von einem Kind was so abhängig ist. Also, egal wie lieb und fürsorglich deine Eltern auch gewesen sind, die Chancen sind groß, dass sie menschlich waren und dementsprechend “Fehler” gemacht haben.

Wenn ein Kind eine bestimmte Gefahr wahrnimmt, fühlt es sich abhängig und hilflos. Seine Bedürfnisse nicht erfüllt zu bekommen fühlt sich an als wäre es in Lebensgefahr und um diesen Schmerz zu lindern, bleibt dem Kind keine andere Option als Abwehrmechanismen zu entwickeln. Diese werden geformt indem das Bewusstsein in zwei Teile geteilt wird: Ein Teil in dem die schmerzhafte Wahrheit der unerfüllten Bedürfnisse verstaut wird. Sich den lebensbedrohenden Schmerz einzugestehen, dass die Bedürfnisse nicht erfüllt werden können, fühlt sich für das Kind zu gefährlich an. Stattdessen fühlt es sich sicherer an die Emotion zu unterdrücken um den Schmerz nicht zu spüren. Um sicherzugehen, dass die lebensbedrohende und schmerzhafte Wahrheit nicht an die Oberfläche kommt, bildet das Kind eine andere “Wahrheit” in dem die schmerzhafte Wahrheit verleugnet wird. Hier fängt die Fabrikation der Illusion an.

Diese Mechanismen sind zwar lebensrettend für Kinder, aber sehr destruktiv für Erwachsene da diese nicht mehr abhängig sind von anderen um ihre Bedürfnisse zu erfüllen. Leider bleiben viele von uns, unwissentlich, in unserem Kind-Bewusstsein stecken und glauben weiterhin an diese Illusion die uns viel Schmerz, Drama und Verzweiflung beschert. Um diese Illusion zu enthüllen, müssen wir uns zum Kern der Illusion vorwagen, nämlich zu der schmerzhaften Wahrheit unserer unerfüllten Kindheitsbedürfnisse, zum Teil den wir so gut verstaut haben, damit wir nie wieder damit konfrontiert werden…

Ingeborg Bosch zufolge entwickeln wir fünf Arten und Weisen um unsere Illusion aufrecht erhalten zu können (die Abwehrmechanismen), die sich über drei Schichten verteilen: Angst, Primäre Abwehr, Falsche Hoffnung, Falsche Angst und Verleugnung der Bedürfnisse. Wir nutzen alle fünf Arten in einem gewissen Maß, obwohl wir auch einen “präferierten” Mechanismus nutzen, der unseren Charakter sehr prägen kann. In diesem Post beschreibe ich die verschiedenen Mechanismen, damit du anfangen kannst sie zu verstehen und zu entlarven, welches der erste Schritt ist den du machen musst, wenn du dich von den Illusionen lösen möchtest und ein Leben in Frieden leben möchtest.

Angst

Angst ist unsere natürliche Reaktion auf eine bedrohliche Situation und spielt sich oftmals auf physischer Ebene ab (Herzrasen, Schweißausbrüche, Durchfall etc.). Ein sehr junges Baby wird in erster Instanz Angst verspüren, da es automatisch kommt und keine kognitive Prozesse erfordert. Offensichtlich ist Angst sehr natürlich und kann unter bestimmten Situationen unser Leben retten, weshalb ich betonen möchte, dass Angst nur ein Abwehrmechanismus ist in Situationen wo es keine akute Gefahr gibt. Leider haben wir oft Angst in Situationen in welchen wir das Ausmaß der Gefahr vergrößert haben wessen wir uns auch oftmals bewusst sind. Die meisten von uns kennen die Angst vor einem Publikum zu sprechen, obwohl wir genau wissen, dass unser Überleben nicht davon abhängt. Nichtsdestotrotz, hat die Angst uns fest im Griff und erscheint es uns unmöglich wie ein Erwachsener mit der Situation umzugehen. Woher kommt das?

Der Grund weshalb wir gefangen sind in diesen irrationalen Ängsten hat damit zu tun, dass wir an einer Illusion festhalten. Wir verwechseln da eine gegenwärtige Situation mit einer Situation aus unserer Vergangenheit wo unsere Bedürfnisse nicht befriedigt wurden. Wir denken unbewusst, dass wir dieser Situation aus unserer Vergangenheit entkommen könnten, wenn wir dieser gegenwärtigen Situation entkommen können, als ob das unseren Schmerz aus der Vergangenheit lindern könnte. Angst hat eine Komponente der Hoffnung: Wenn wir Angst haben, dann stoßen wir Stresshormone aus, die einen Fluchtversuch unterstützen. Wenn wir also Angst als Abwehrmechanismus nutzen, dann ist es als würden wir darauf hoffen einer Situation zu kommen, der es aber unmöglich ist zu entkommen, da sie schon längst geschehen ist. Es ist in unserer Vergangenheit schon ein Fakt und du wirst es niemals schaffen die Zeit in der Zukunft noch umzudrehen. Das ist einfach eine Illusion.

Wie ich schon erwähnte, ist Angst die erste Abwehr die ein Kind nutzen wird um der schmerzhaften Wahrheit zu entkommen (indem es hofft dem noch zu entkommen) und es ist auch die letzte Abwehr wo wir als Erwachsene “durch” müssen um unserer Kernwunde näher zu kommen. Es ist also gut zu wissen, dass es also ein gutes Zeichen ist wenn man als Erwachsener Angst spüren kann, da man dann sich nicht mehr durch so viele Schichten voller Rationalisierungen arbeiten muss um den Schmerz den wir so gut verstaut haben, näher zu kommen. Sei dir aber bewusst, dass deine Angst nicht gleich steht an deinen alten Schmerz. Der Aspekt der Hoffnung die der Angst zugrunde liegt, wird dir niemals gestatten Frieden zu finden mit deiner Vergangenheit, da du auf diese Art und Weise weiterhin hoffen wirst, dass dein unerfülltes Bedürfnis erfüllt wird und du also weiterhin an der Illusion festhältst. Du kannst nur heilen, wenn du akzeptierst, dass dieses Bedürfnis nicht erfüllt wurde und dass es nicht erfüllt werden muss, da du jetzt nicht mehr abhängig bist davon.

Primäre Abwehr

Wenn das Kind im Alter von 18 Monaten eine gewisse Selbstwahrnehmung entwickelt, wird es anfangen die schmerzhafte Wahrheit zu leugnen mit der ersten kognitiven Abwehr welche auch die erste Abwehrschicht darstellt: Die primäre Abwehr. Wenn das Kind in einer Situation ist wo seine Bedürfnisse nicht erfüllt werden, wird es zum Schluss kommen, dass es das selber machen muss, was natürlich unmöglich ist. Das Kind wird sich als “inkompetent” erfahren und wird dementsprechend denken das etwas mit ihm nicht stimmt.

Die Idee das etwas mit sich selbst nicht stimmen könnte wird in drei Kategorien unterteilt:

  • Sich fehlerhaft fühlen: “Ich bin schlecht”, “Ich bin wertlos”, “Ich schäme mich für wer ich bin”, etc.
  • Sich schuldig fühlen: “Ich mache immer alles kaputt”, “Es ist immer meine Schuld”, etc.
  • Sich unfähig fühlen: “Ich kann es nicht”, “Es ist zu viel für mich”, etc.

Menschen die in diesem Abwehrmechanismus feststecken leiden oft an Depressionen, ein Gefühl der Schwere und Trägheit, Passivität, Apathie etc. Die große Illusion mit der wir als Erwachsene kämpfen, ist dass wir denken unsere Gefühle hätten etwas mit unserer gegenwärtigen Situation oder Kapazitäten zu tun, und uns nicht bewusst sind, dass wir uns unterbewusst beziehen auf die Gefühle der Machtlosigkeit, Wehrlosigkeit und auch Inkompetenz die wir als Kinder spürten. Unser Unterbewusstsein befürchtet, dass das l Lösen dieses Schmerzes uns immer noch in Lebensgefahr bringt. Um die Illusion zu durchbrechen, müssen wir das Bewusstsein aufbringen, dass diese Gefühle alt sind und wir kompetent, wertvoll und vor allem “sicher” sind. Sogar wenn wir mal inkompetent und fehlerhaft sind, hängt unser Überleben nicht davon ab.

Falsche Hoffnung

Zum Glück hören Kinder nicht auf Abwehrmechanismen zu bilden nach der primären Abwehr. Ansonsten würde diese ganze Welt bevölkert sein von depressiven und apathischen Menschen und würden wir nicht weit kommen. Gott sei Dank, haben wir eine zweite Schicht entwickelt die uns davor schützt an der primären Abwehr unterzugehen.

Falsche Hoffnung ist einer dieser Mechanismen in der zweiten Schicht. Diese Schicht wird gebildet wenn das Kind eine Chance sieht seine Bedürfnisse erfüllt zu bekommen, wenn es nur sein Bestes tut. Offensichtlich ist das eine Illusion, da kein einziges Kind auf dieser Welt jemals alle seine Bedürfnisse erfüllt bekommt, egal wie doll es sich bemüht. Ein typischer Gedanke für Menschen die diese Abwehr nutzen lautet: Wenn ich nur…dann….

Auf einer gewissen Weise fühlt sich diese Abwehr besser an, da wir uns nicht nur inkompetent und wertlos fühlen, aber wir auch zum Teil sehr begeistert und enthusiastisch sein können wenn wir einen vermeintlichen Ausweg gefunden haben. Unsere Euphorie geht oft gepaart mit einem Gefühl der Dringlichkeit. Was auch immer wir gerade verfolgen, das Ziel muss sofort erreicht werden, ansonsten hat man das Gefühl zu “sterben”. Nochmals, diese Dringlichkeit macht Sinn in dem Gehirn eines Kindes, welches kein Zeitgefühl hat und wirklich womöglich sterben könnte wenn seine Bedürfnisse nicht erfüllt werden, aber dies ist für Erwachsene nicht der Fall.

Dieser Mechanismus ist die Triebfeder hinter Menschen die es allen recht machen wollen und Perfektionisten, was zum Teil ja auch seine Vorteile haben kann, aber destruktiv wirkt, wenn die Person unterbewusst ein Bedürfnis aus der Vergangenheit erfüllen möchte. Dieses Bedürfnis wird nie erfüllt (und so werden auch gegenwärtige Bedürfnisse nicht immer trotz Anstrengung erfüllt), also werden diese Menschen unweigerlich scheitern. Jedes Mal wenn sie denken ein bestimmtes Ziel zu erreichen, stürzt alles doch wieder zusammen, beziehungsweise erlangen sie nicht das gewünschte Gefühl beim Erreichen des Ziels.

Denk nur daran wie viel Hoffnung du spürst wenn du frisch verliebt bist. Dieses Mal wirst du alles richtig machen. Du wirst die bestmögliche Version deines Selbst. Endlich wird dein Bedürfnis nach Liebe und Zuwendung erfüllt. Es gibt aber einen Grund weshalb dieser Mechanismus falsche Hoffnung heißt. Früher oder später wird dein “Plan” scheitern und bist du wo du angefangen hast: ausgelaugt, desillusioniert und verzweifelt. Wie viel musst du denn noch machen um endlich deine Ziele zu erreichen? Dies ist oft der Moment wo du entweder deinen Partner verlässt auf der Suche nach dem nächsten “Retter” oder du gibst die Hoffnung auf und findest dich damit ab, dass du keine “Bedürfnisse” hast. Dies ist ein anderer Mechanismus den ich nachher besprechen werde.

Aber bleiben wir mal bei der falschen Hoffnung. Ich kenne diesen Mechanismus nur zu gut. Dieser Mechanismus hat mich auf den spirituellen Pfad gebracht. Ich war damals in einer Beziehung in der ich emotional sehr abhängig war und ich gehofft hatte ich endlich “perfekt” genug zu werden um endlich die Liebe zu kriegen nach der ich mich so sehnte. Außerdem benutzte ich diesen Mechanismus um vor der Tatsache wegzurennen, dass ich mich unzulänglich fühlte. Als Jugendliche habe ich immer mit einem niedrigen Selbstwertgefühl gekämpft und ich hoffte die Spiritualität würde mich davon abhalten den Schmerz der Unzulänglichkeit zu spüren. Wenn du dich selbst in demselben Muster wiedererkennst, dann sei dir bewusst, dass nichts verkehrt ist damit Selbstliebe und Zustände des höheren Bewusstseins erlangen zu wollen, aber benutze die Spiritualität nicht um einer Illusion zu dienen. Das einzige Ziel das die Spiritualität dir bringen soll ist das Bewusstsein über deines Wahres Ich (ein Mensch der es nicht braucht bestimmte Bedürfnisse erfüllt zu bekommen um glücklich zu sein) zu erlangen.

Diese Hoffnung zu haben und ständig zu denken du hättest die neueste Lösung zu deinem Problem gefunden, macht es sehr schwer diesen Mechanismus loszulassen. Auf gewisser Weise hat es dir bestimmt geholfen, es hat deinen Schmerz ein bisschen gelindert. Deshalb fühlt sich das Aufgeben dieses Mechanismus schon fast an als würden wir uns unserem eigenen Scheitern ausliefern. Du fragst dich wie deine Bedürfnisse jemals erfüllt werden sollen, wenn du nicht dein Bestes tust. Deswegen ist es wichtig dir bewusst zu sein, dass deine Bedürfnisse im Hier und Jetzt schon erfüllt sind (Du bist immerhin am Leben, oder?) und dass es sicher ist diese alten Bedürfnisse gehen zu lassen. Wenn du wirklich in einer “auf-Leben-und-Tod-Situation” steckst, wirst du schnell genug wissen wie du zu handeln hast. Du hast wahrscheinlich nicht mal die Zeit um solche falsche Hoffnungen zu kreieren und deine Zeit und Energie in ein Unternehmen zu stecken was im Vornherein zum Scheitern verurteilt ist.

Falsche Macht

Falsche Macht befindet sich auf derselben Schicht wie falsche Hoffnung, jedoch ist dieses Mal der Gedanke umgekehrt und beinhaltet immer ein bestimmtes Urteil über jemand anderen: Wenn nur du…, dann…. Wenn wir diesen Mechanismus anwenden wollen wir unterbewusst andere kontrollieren damit sie unsere Bedürfnisse erfüllen. Um dafür zu sorgen, dass andere ihr Verhalten ändern oder sich unseren Wünschen fügen, über wir “Macht” aus, was wir ausdrücken mit Wut, Dominanz, Kritik etc.

Falsche Macht hat drei Merkmale:

  • Ein Urteil des anderen jeglicher Form: “Sie liegen falsch”, “Er ist inkompetent”, etc.
  • Eine Verknüpfung dieses Urteils mit einer wütenden Emotion die variieren kann von leichter Irritation bis hin zur Weißglut.
  • Diese Emotionen werden entweder mit dem Gefühl verknüpft ein Opfer zu sein oder sich überlegen zu fühlen.

Wenn du dich in diesem Mechanismus wiedererkennst, dann sei dir bewusst, dass das Ausdrücken deiner Wut wahrscheinlich nur zur Instandhaltung der Illusion beiträgt. Erstens denkst du dann nämlich du hättest das volle Recht darauf deine Wut auf einer zerstörerischen Weise zu äußern. Zweitens würdest du glauben du könntest die Situation mit deiner Wut kontrollieren. In den meisten Fällen wird dir deine Wut jedoch nicht helfen. Es ist besser deine Wut erstmal zu bändigen und einfach zu schauen was es mit dir macht. Du solltest erst handeln wenn du den anderen mit Mitgefühl gegenüber stehen kannst und du nicht mehr die Dringlichkeit spürst deine Wut zu äußern.

Genau wie mit falscher Hoffnung, haben wir auch mit falscher Macht so dann und wann etwas erzielt, was jedoch immer auch zu Disharmonie geführt hat. Die Schwierigkeit durch diese Illusion zu schauen ist das Gefühl Recht zu haben. Immerhin fühlt es sich an als würden unsere Bedürfnisse nie erfüllt werden, wenn wir es loslassen Recht zu haben. In unserem Kinderhirn wird das wieder mit “sterben” übersetzt! Genau wie mit der falschen Hoffnung, ist es wichtig einfach aufzugeben. Auf beiden Levels, ist man in einem Zustand des “Hyperarousals”, indem man denkt man könnte mit genügend Kontrolle die Bedürfnisse schon erfüllt bekommen. Diese Kontrolle loszulassen ist beängstigend und schmerzhaft, aber wirklich eine Voraussetzung wenn du nicht mehr weiterhin mit einer Illusion leben möchtest.

Verleugnung der Bedürfnisse

Wenn ein Kind auf der unbewussten Ebene die Hoffnung aufgegeben hat, wird die nächste Schicht gebildet: Die Verleugnung der Bedürfnisse. Dies passiert wenn das Kind keine Möglichkeit mehr sieht zu entkommen oder die Situation zu kontrollieren und sich der Situation ergibt indem es seine Bedürfnisse verleugnet. Hoffen ist zu schmerzhaft, kontrollieren zu anstrengend, da bleibt dem Kind nichts anderes übrig als einfach das Bedürfnis zu blockieren. In manchen Fällen wurde dieser Mechanismus unbewusst von Eltern stimuliert, indem sie ihre Kinder dafür gelobt haben keine Bedürfnisse zu haben und so “unsichtbar” wie möglich zu sein. Das Kind kriegt dadurch den Eindruck, dass es “falsch” ist Gefühle und Bedürfnisse zu haben und es also sicherer ist einfach keine zu haben.

Dieser Abwehrmechanismus ist am weitesten entfernt von dem ursprünglichen Schmerz, da der Wunsch dieses alte Bedürfnis zu erfüllen nicht mals mehr existiert. Deswegen ist diese Abwehr auch am schwersten zu behandeln. Die meisten Menschen werden nicht mals erkennen, dass sie ein Problem haben oder ihnen etwas fehlt. Im Gegenteil, Menschen mit dieser Abwehr werden einem oftmals sehr ruhig, zufrieden, sogar fast erleuchtet vorkommen.

Aus diesem Grund eignet sich dieser Mechanismus auch perfekt für “spirituelle Bypasser”: Sie behaupten (und glauben daran auch wirklich!) ihr Leben wäre perfekt so wie es ist, sie sind in kompletter Harmonie mit dem Leben und sich selbst, sie akzeptieren alles was geschieht ohne Widerstand und sie spüren selten die Dringlichkeit etwas in ihrem Leben zu ändern. Das nicht-anhaften an Bedürfnissen und das Fehlen negativer Emotionen lässt sie schon fast wie Heilige wirken, wie sehen wir also den Unterschied zwischen einem wirklichen Heiligen und jemanden der seine Bedürfnisse verleugnet?

Um das zu entdecken musst du nicht richten auf was ist sondern was fehlt. Den meisten Menschen die ihre Bedürfnisse verdrängen fehlt es an starken Emotionen, Tiefgründigkeit, Leidenschaft, Kreativität, Intimität, wahres Engagement etc. Sie leben eher aus ihrem Kopf heraus und nicht aus dem Herzen wodurch es ihnen an ”Lebensvitalität” fehlt. In Situationen in denen andere sehr emotional reagieren, spielen sie den Ernst oft herunter mit Rationalisierungen wie: “Es ist nicht so schlimm”, “Ich werde das schon überleben”, “C’est la vie..”, etc. Sogar positive Emotionen werden teilweise nicht wahrgenommen. Sie benutzen oft Rationalisierungen wie: “Ich kann dir nicht sagen ob das gut war oder nicht, da ich nicht gerne vergleiche. Es ist wie es ist. Es gibt keinen großen Unterschied zwischen gut und schlecht.” Eine Präferenz zu haben und etwas “gut” zu finden, könnte ja nur dazu führen, dass sich ein Bedürfnis entwickelt…Sie sind offensichtlich sehr rational eingestellt, da sie ihr ganzes Leben rationalisiert haben warum es besser ist keine Bedürfnisse zu haben. Sich nicht zu scheren ob die Bedürfnisse erfüllt werden oder nicht war immerhin ihr Überlebensmechanismus.

Weiterhin neigen diese Menschen oft dazu bestimmte Sachen auszustellen oder zu vermeiden. Da eh alles “okay” ist und etwas nie wirklich dringend ist, warum kann es dann nicht bis morgen warten? (Oder nächste Woche? Nächsten Monat? Oder vielleicht passiert es einfach nie…) Ihre augenscheinliche Zufriedenheit wird auch reflektiert in ihrem Unvermögen Entscheidungen zu treffen oder Präferenzen zu haben. Sie sind “zufrieden” mit allem, also lassen sie oft andere für sich entscheiden: “Mir ist es egal, wähl du. Mir ist alles recht.”

Diese Verdrängung der Emotionen führt auch oft zu Vergesslichkeit. Immerhin funktioniert unser Gedächtnis am Besten wenn ein Ereignis einen emotionalen Eindruck auf uns hinterlässt. Wir brauchen die Emotionen um Stresshormonen freizusetzen, die uns dabei helfen uns an das Ereignis zu erinnern und damit auch herauszufinden ob dieses Ereignis das Label “sicher” oder “gefährlich” bekommen hat (außer in höchst traumatischen Situationen, da führt es oft zum Gegenteil). Wenn wir aber nie wirkliche Emotionen in einem Ereignis freisetzen und uns dieses nicht wirklich berührt, dann senden wir unserem Gehirn die Nachricht: “unwichtig, braucht nicht gespeichert zu werden”.

Ein anderes Merkmal der Verleugnung der Bedürfnisse ist wenn Menschen auch ihr Körperempfinden verdrängen. Dies führt nicht nur zu einem niedrigen arousal-Level (“Kein Stress”, “Alles ist gut”, “Warum die Eile?”), sondern auch zu einer gewissen Taubheit gegenüber Körperempfinden. Man scheint dann unempfindlich zu sein was im Körper vor sich geht. Das äußert sich oft in einer hohen Schmerzgrenze oder einer Schwierigkeit die Grenzen des Körpers zu erspüren, wodurch sie ungeschickt rüberkommen (sie laufen oft gegen etwas, lassen Dinge aus ihren Händen fallen etc.).

Wie ich schon erwähnte, ist dieses die schwierigste Abwehr um mit zu arbeiten, nicht nur weil es so “weit” von unserer originalen Wunde entfernt ist, aber auch viele es so unheimlich unbewusst ist. Die Menschen fühlen sich wirklich zufrieden und “glücklich” und sehen nicht ein weshalb sie etwas ändern sollten. Meistens gehen sie erst in Therapie wenn jemand von außen sie dazu zwingt. Außerdem sind die meisten ja auch nicht gänzlich von ihren Emotionen abgeschnitten, was ihnen zur Rettung kommen kann. Wenn sie negative Erfahrungen verspüren mit denen sie nicht umgehen können und die ständig zurückkehren und wofür sie auch keine logische Rationalisierung finden können, dann gibt es Hoffnung. Letztendlich sind Emotionen gesund und brauchen wir sie um ein glückliches und erfülltes Leben zu führen.

Bevor du jetzt denkst du würdest deine Bedürfnisse nicht unterdrücken, weil du sehr emotional bist, dann warne ich dich. Ich bin nämlich auch eine sehr emotionale Person, aber ich habe auch schon Situationen in meinem Leben entdeckt wo ich meine Bedürfnisse unterdrücke. Wie gesagt, wir benutzen alle diese Abwehrmechanismen bis zu einem gewissen Grad und dementsprechend ist die Chance groß, dass auch du diese verwendest. Achte mal ganz genau welchen Aspekt deines Lebens du runter spielst oder du dir einredest alles wäre in bester Ordnung, auch wenn du genau weißt, dass da noch Luft nach oben ist.

Ich hoffe, du verstehst jetzt besser wie wir unsere Abwehrmechanismen bilden, was ihre Funktion ist und wieso sie uns an Illusionen glauben lassen. Im nächsten Post, werde ich beschreiben wie du deiner originalen Wunde näher kommen kannst, was dir helfen wird mehr der Illusionen zu durchschauen. Bis dahin, viel Erfolg bei der Selbstbeobachtung!